Nicht nur wegen Nikolai.

S und ich kennen uns in diesem Jahr FÜNF Jahre, und die meiste Zeit war geprägt von unseren Differenzen. Unterschiedliche Charaktere, Lebensphasen, Weltanschauungen. Und erst jetzt ist mir wirklich klar geworden, was ich alles an diesem stets gut gelaunten Frechdachs habe. Denn es ist eine Herausforderung, einen anderen Menschen wirklich so zu akzeptieren, wie er ist.

Nicht alle in unserem Umfeld fanden es gut, dass wir uns zusammengerauft haben. Sie wollen nicht, dass wir „nur wegen Nikolai“ dieses Team bilden und persönlich zu viele Kompromisse eingehen. Klar, Nikolais Bedürfnis nach Mama UND Papa ist sicher einer der Faktoren, die zu unserer Versöhnung geführt haben. Aber bestimmt nicht der einzige! Das wäre für keinen von uns gesund.

Schon allein weil wir wissen, dass wir unseren Alltag und das Elternsein auch als Single-Mama und Single-Papa schaffen (und dabei nicht unglücklich waren). Wir machen uns weder vom Familien-, noch vom Single-Leben Illusionen. Wie alles im Leben hat beides Vor- und Nachteile. Doch wir entschieden uns bewusst dafür, der neu entfachten Liebe eine Chance zu geben. Obwohl es schon einmal nicht geklappt hatte. Damals waren wir ent-romantisiert vom Elternwerden und Familienleben. Nix mit happy Family und KnutschiKnutschi wenn Papi von der Arbeit kommt. Ich war allein in einer neuen Stadt, litt unter meiner Depression, und S war überfordert mit seiner neuen Rolle. Das konnte nicht gut gehen!

Während der Trennung stand kein Vielleicht im Raum. Der Schnitt war bitterer Ernst, und wir beide arbeiteten fleißig daran unser Leben zu ordnen und zu festigen. Hätte ich im Kopf gehabt, mir S wieder zu angeln, wäre sicher vieles anders gelaufen. Ich hätte nicht so mit Hochdruck nach einem Job und einer Kita gesucht. Und hätte somit meinen Ex auch nie damit beeindrucken können, was ich alles ohne Hilfe schaffen kann. Wer also um Rat bittet, wie man das Interesse des Ex wieder wecken kann (und das ist die häufigste Frage meiner Leserinnen): Indem man gar nicht erst darüber nachdenkt! Es war zu keinem Zeitpunkt meine Absicht, ihn zurück zu gewinnen. Ich dachte nur daran, für mich und mein Baby ein stabiles Leben aufzubauen. Jeden Tag die beste Version von mir zu sein und das Nikolai vorzuleben. Dass S das auch mitbekam, war purer Zufall.

Es folgte also die romantische und völlig unerwartete Versöhnung im letzten Sommer. Bewusst entschieden wir, es langsam angehen zu lassen. S ließ den Großteil seiner Habe in seiner Wohnung- doch natürlich schlich sich rasch nach der Versöhnung der Alltag wieder ein. Man verbringt ja automatisch viel Zeit zusammen, und das warf die alten Diskussionen wieder auf. Student zuhause, Frau auf der Arbeit. Der häufigste Streit: „Was zur Hölle hast du heute hier gemacht? x, y und z sind nicht erledigt, ich kapiere einfach nicht, wie man das übersehen kann.“ Und so weiter und so fort.

Zu Beginn des Jahres gab es dann auf meinem Blog nichts mehr von S zu sehen oder zu lesen. Wir zweifelten an unserem 2. Versuch, stritten uns beinahe täglich um Kleinigkeiten. Ihr kennt das: als Single gewöhnt man sich an eigene Abläufe, an die eigene Ordnung. Und es fällt schwer, zwei Systeme zusammenzuführen. Vieles fühlte sich an wie früher, und das machte uns Angst. Denn in den alten Teufelskreis will keiner von uns zurück.

S zog also wieder richtig aus- nur, dass wir uns nicht trennten. Es war eine komische Zwischenphase, deren Grau einem Schwarz-Weiß-Seher wie mir gar nicht gut tat. Und an diesem Punkt befasste ich mich intensiv mit der Frage: „Wie sähe mein Leben ohne S darin aus? Wäre ich wirklich glücklicher, wenn wir nicht mehr über ungespültes Geschirr streiten? Und ist das ein Grund, das Handtuch zu werfen?“

Ich entschied mich für Nein. Nein, Differenzen in der Haushaltsführung sind kein Grund für eine Trennung. Und auch unterschiedliche Charaktere sind es nicht, solange man sich liebt und treu ist. Unser Verhältnis macht viel mehr aus als „nur“ die Liebe zum kleinen Wutz: S und ich wollen das Beste für den anderen und lassen einander nicht im Stich. Sogar in Zeiten der Trennung hat er mich nie mit einem Problem allein gelassen. Wir können dem anderen ohne Eifersucht oder Langeweile Ich-Zeit gönnen und sind stets ehrlich zueinander. S ist unglaublich entspannt und kühlköpfig, was ein wichtiger Kontrast zu meiner ständigen Über-Kompensation ist. Dafür erledige ich Dinge sofort, nehme alles in Angriff und entreiße ihn seiner Bequemlichkeit. Er ist außerdem ehrlich, treu, hilfsbereit, weltoffen und sehr großzügig.

Zwischen uns gibt’s keinen rosa Schleier der Romantik. Denn wir wissen, was es wirklich bedeutet eine Familie zu gründen: Plötzlich steht da ein kleiner Mensch im Mittelpunkt, und das Wohl der Beziehung, der Sex und die Zweisamkeit rücken in den Hintergrund. Hinzu kommen Geldsorgen und falsche/unerfüllte Erwartungen an den Partner. In einer Langzeitbeziehung die Romantik und den Respekt aufrecht zu erhalten, das ist schon schwer genug. Aber dann noch als Eltern ein Team zu bleiben, das ist eine verdammt große Herausforderung! Egal, was einem viele Menschen erzählen.

Würden wir uns hassen, würde keiner von uns im Unglück verharren. Gäbe es Lügen, Untreue oder Gewalt in diesem Haus, würden wir nicht „nur wegen Nikolai“ zusammen sein.

Fakt ist: Ohne S wäre mein Leben viel grauer. Auch wenn er die Welt mit anderen Augen betrachtet, so ist er mir ein treuer und wertvoller Weggefährte, der mich ehrlich liebt und Nikolai ein wunderbarer Vater ist. Ich bin froh, dass wir das Handtuch nicht geworfen haben.

Ich kann heute akzeptieren, dass wir unsere Liebe auf unterschiedliche Weise ausdrücken. Wichtig ist zu sehen, DASS der andere einen aufrichtig liebt. Ich zum Beispiel plane täglich ein schönes Abendessen für unseren Feierabend, mache ihm Komplimente für seine Trainingserfolge, bringe seine Lieblings-Leckerchen vom Einkaufen mit und akzeptiere sein Bedürfnis nach Alleinsein (mehr und mehr).

S zeigt mir seine Hingabe, indem er nach der Kita mit N auf den Spielplatz fährt, damit ich in Ruhe im Feierabend ankommen kann. Indem er sonntags mit mir zu irgendwelchen Hauswänden spaziert, um ein Insta-Foto zu machen. Indem er die Autoreparatur von seinen Ersparnissen zahlt, weil er mit seinem Studentenjob natürlich nicht halbe-halbe im Monat mit mir machen kann. Oder dass er mich abgeschminkt mit welligem Haar und Hyyge-Buxe trotzdem schön findet. Er erträgt meine Angespanntheit wenn ich überlastet oder besorgt bin, und geht jeden Morgen bei Wind und Wetter mit Flocke raus, damit ich mich in Ruhe fertig machen kann.

Ich könnte noch vieles aufzählen, aber der Punkt ist: Liebe zeigt sich in unzähligen kleinen Details. Es sind nicht die Blumensträuße und Schmuckstücke, die man geschenkt bekommt, nicht die Knutsch-Selfies auf Instagram, die eine gute Beziehung ausmachen.

Es ist der Wille, das Team zusammenzuhalten und die anderen Mitglieder darin glücklich zu machen. Die Treue, Ehrlichkeit und der Respekt vor dem, was den anderen ausmacht, auch wenn er anders ist. Es ist nicht nur wegen Nikolai.

10 Comments

  1. Bianca sagt:

    Ein sehr schöner und vor allem ehrlicher Post. Eine Familie zu gründen ist harte Arbeit und ich finde es toll, dass ihr trotz sehr unterschiedlicher Charaktere zusammenhaltet und gegenseitig respektiert. Das wird sich euer Sohn mit Sicherheit von euch abschauen.
    Liebe Grüße Bianca
    http://ladyandmum.blogspot.de

  2. Oli sagt:

    So schön geschrieben, ich hab sogar Gänsehaut bekommen. Hab mich auch darin gefunden.

    Liebe Grüße
    Oli

  3. Alia sagt:

    Ganz ehrlich und so etwas von wahr…..es ist wie ein Spiegel indem sich ganz viele sehen……aber leider nicht sehen wollen….tolle Schreibe 😍
    Lieben Gruß
    Alia

  4. Sandra sagt:

    Wow wow wow 👌🏼🔝
    Was für ein toller, ehrlicher und liebevoller Text , toll

  5. Jasmin sagt:

    Du Liebe,
    das ist so ein wahnsinnig guter Beitrag! Ich bin immer wieder beeindruckt, wie selbstreflektiert und reif du bist und finde es toll, dass du mit deinen Gedanken Anstoß zum Selbst-nachdenken gibst.
    Ich wünsche dir und deiner kleinen süßen Familie alles Liebe!
    Liebe Grüße,
    Jasmin

  6. Tina (tinaemilielouis bei instacram) sagt:

    Wie wahr jeder Satz von dir ist . Ich bin mit meiner Liebe seit über 10 Jahren zusammen. Wir haben 2 Kinder zusammen. Wir sind grundverschieden in jeder Lage. Aber vielleicht ist es genau das was jeder von uns 2 braucht. Wir ergänzen uns deshalb vielleicht so gut. Das er so ein toller Papi ist hat meine liebe nochmehr zu ihm wachsen lassen.

  7. Finja sagt:

    Damn … Was für wunderbare, wundervolle Zeilen. Mir stiegen glatt ein paar Tränen der Rührung in die Augen. Ganz toll geschrieben. Und recht hast du.

    Ich wünsche dir und euch für euer privates Glück alles erdenklich Liebe und Gute. Ihr macht das genau richtig so 🤘❤

  8. Karo sagt:

    Wunderbar geschrieben.
    Mir gefällt der Prozess der Selbstreflektion an dir, Bzw. an euch. Ihr habt beide gelernt mit dem Anderen umzugehen. Gebt euch die Freiräume und akzeptiert auch die Eigenarten des anderen. Wieder eine Stufe im Leben erklommen, auf die ihr Beide stolz sein könnt.
    Liebe Grüße

  9. Marta sagt:

    …. nachdem er diese Zeilen gelesen hat, liebt er dich noch viel mehr! Und wehe nicht!!😉 Toller Text!😘

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.