Statussymbole.

Wenn es um Designerkleidung und -Accessoires geht, gab es für mich immer zwei Arten von Menschen.

Die einen kaufen diese Dinge, weil sie es sich einfach leisten können. Für sie ist es so, als gehe der Normalbürger zu H&M, Zara oder Mango. Sie denken nicht darüber nach, mehrere Tausend Euro für den Inhalt ihres Kleiderschranks auszugeben, und sie müssen sich das Geld auch nicht vom Munde absparen.

Die weitaus größere Masse sind die soeben erwähnten Normalbürger. Menschen, die es sich zehnmal überlegen ob sie sich eine kleine Speedy Bag leisten können. Die darauf hinsparen, sich eine Luxusuhr oder Prada Schuhe zu kaufen, und die eine nie gekannte Befriedigung darin verspüren, die hart erkämpften Stücke zu tragen. Der Welt signalisieren: „Ich kann es mir leisten. Ja, das ist ein Arctic Parka mit Koyotenfell für 700 Euro. Ja, das ist eine Prada Tasche.“ Es gibt inzwischen sogar Seiten, auf denen man Luxusuhren und -Handtaschen in Raten abzahlen kann. Nur, um der Welt ein aufpoliertes Selbstbild zu vermitteln.

Ich gehörte früher zur letzten Kategorie, und heute zu keiner von ihnen. Dazu gleich mehr.

Auch ich habe mir die Tasche auf dem Foto von meinem Ersparten gekauft. Und auch ich tat es, weil „LV“ darauf prangt und ich mich mit diesem „Schild“ gewappnet gegen die Blicke der Gesellschaft fühlte. Es war in Nikolais ersten Monaten meine Wickeltasche, weil mir keine andere gefiel. Und da mein Baby eigentlich ein Mädchen werden sollte, fand ich den Gedanken schön meiner Tochter die Tasche eines Tages weiterzuvererben.

So verkaufte ich das gute Stück  während der Trennung, weil ich Geld brauchte. Und weil ich eine neue Freiheit darin erkannte in einem Umfeld zu leben, in dem man nicht unter Druck steht „mithalten“ zu müssen. Damals als Vollzeit Mama schon gar nicht, und auch jetzt im Beruf ist es unnötig. Ich bin nicht jeden Tag in einem Bankenviertel unterwegs, in dem Männer in 2000€ Anzügen und Frauen in ebenso schicken Business Kleidern herumlaufen.

Dem Himmel sei Dank!

Dennoch bereue ich es heute, die schöne Tasche nicht mehr zu besitzen. Ich hatte sogar die Henkel erneuern lassen, weil die ebay Verkäuferin mich bereits vor dem Kauf auf deren kümmerlichen Zustand hingewiesen hatte.

Ich bereue den Verkauf, weil ich heutzutage zu einem dritten Typ Designer-Kundschaft gehöre: dem Qualitätswertschätzer. Diese Menschen kaufen sich Kleidung und Accessoires von renommierten Marken, weil sie deren Verarbeitung und Materialien schätzen. Sie sparen sich vielleicht auch das ein oder andere Teil zusammen. Sie kaufen es möglicherweise Second Hand, weil der Neupreis eine Frechheit ist. Aber: Sie kaufen es für sich.

Heutzutage bin ich an einem Punkt an dem es mir möglich wäre, einmal im Monat etwas zu kaufen- wenn ich denn so viel Zeug bräuchte (damit meine ich keine Dinge, die mehrere Hundert Euro kosten).  Doch ich habe einiges angespart, meine Uni ist in einem Jahr abbezahlt und ich habe ein regelmäßiges Einkommen. Doch wenn ich mir heutzutage etwas tolles kaufe, dann für mich. Weil ich die Qualität zu schätzen weiß. Weil ich mir nicht denselben Discounter Pullover viermal im Jahr kaufen will, wenn er die ersten Wäschen nicht überlebt.

Ein schicker Markenname bedeutet nicht zwangsläufig, dass die Qualität stimmt. Er bedeutet auch nicht, dass der Mensch etwas besseres ist, der diese Klamotten trägt. Ich verstehe gut, dass ein schickes Täschchen das Selbstwertgefühl aufmöbelt wenn man mit anderen Dingen weniger zufrieden ist. Oder, dass es eine Belohnung für harte Arbeit sein kann.

Ich persönlich konnte mir in der Schwangerschaft eigentlich keinen Luxus leisten. Die Wohnung zahlte damals noch die Familie von S, und er arbeitete neben der Uni. Ich hatte kein Einkommen mehr, da mein Studentenjob in Aachen zurückblieb und ich erst kurz nach Nikolais Geburt meine Bachelor-Arbeit abschloss. Aber gerade weil ich allein in einem Städtchen saß wo ich niemanden kannte, machte es mich glücklich von meinem Ersparten eine Louis Vuitton Tasche zu kaufen. Es wertete mein Selbstbewusstsein auf.

Wozu? frage ich mich heute.

Es interessiert hier niemanden, ob ich mit Louis oder Jutebeutel herumlaufe. Ich brauche keine teuren Taschen und Schuhe, um im Supermarkt anerkennende Blicke zu ernten.

Ja, ich shoppe beinahe ausschließlich Second Hand Blusen von guten Marken. Wie oft habe ich mich über 20€ Schnäppchen aus Acryl und Co. geärgert, die aus der Form gehen, in denen man schwitzt und die Nähte schlecht verarbeitet sind. Klar ist: Qualität hat ihren Preis. Also ja, ich freue mich dann über den ausgemusterten Escada Rock von Mama, weil er nicht so schrecklich knittert wie meine zwei Benetton Bleistiftröcke. Und ich liebe die schönen Wildleder Pumps von Mayganda, die ich bei Instagram gewonnen habe. Und ich besitze genau einen Rucksack und eine Handtasche, beide von Michael Kors. Weil sie aus Leder sind und ich finde, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis im Gegensatz zu anderen Designern stimmt.

[Dass die meisten Kleidungsstücke unabhängig von Namen und Prestige in Asien produziert werden, das weiß ich. Dass es Designerkollektionen gibt, die denselben Stoff wie No-Name Produkte nutzen, weiß ich auch. Dennoch gibt es haufenweise Unterschiede in der Verarbeitung der Materialien.]

Aber ich muss kein T-Shirt mit zwei verschlungenen C’s auf der Brust tragen, um mich in Gesellschaft wohl zu fühlen. Ich brauche keine Schuhsammlung, keinen Woolrich Parka für 700€ (bei Temperaturen von höchstens -2 Grad??) oder gar eine Birkin Bag zum Preis eines Kleinwagens.

Ja, den Louis hätte ich schon irgendwann noch einmal gern, wenn es das Budget zulässt. Aber nicht, bevor die Uni abbezahlt ist. Nicht bevor ich nicht weiß, wie ich mir nach dem Mini ein anderes Auto leisten kann. Nicht, solange kein ausreichend großes Polster für meinen Nikolai da ist. Und vor allem: nicht, um der Welt etwas zu beweisen.

Wir brauchen keine Schutzschilde mit Markennamen vorne drauf. Ein gutes Essen im Kreise liebster Menschen, innere Zufriedenheit und Gesundheit sind um so vieles wichtiger als das.

2 Comments

  1. Irene sagt:

    Liebe Madi! Wie immer 100 Punkte für deinen Beitrag ! Ich lese dich unheimlich gerne 😀

    Also mich haben solche Sachen eigentlich niemals gejuckt … Aber ich habe neulich was komisches erlebt. Ich und eine arbeits Kollegin sind verlobt . Wir zeigen uns gegenseitig Sachen und sprechen über alles . Ich finde alles was sie hat oder besorgt mega toll, obwohl es nicht mein styl ist . Aber sie ist definitiv wie die erste Sorte Menschen . Gefällt ihr überhaupt dieses Kleid oder nur weil es von LV ist ? Weil es gibt ehrlich gesagt auch gresliche Sachen von guten Design XD

    Ich persönlich schätze das meiste sehr weil ich dafür sehr hart gearbeitet habe ! Ich persönlich bin nicht gerade ein Schnäppchen Jäger aber habe Prioritäten . Ich schätze eben eher einen Urlaub und Erlebnisse als ein paar 600€ Schuhe die ich 10 x tragen werde … Vlg von Trier !

  2. […] Eine junge Frau beschreibt, warum sie den Verkauf Ihre Handtasche bereut. Dass sie inzwischen festgestellt hat, es geht nicht nur darum ein Marken Produkt zu besitzen, sondern Qualität hat eben einen Preis, der sich aber mit der Zeit, und das im wahrsten Sinne des Wortes bezahlt macht. http://ouilavie.de/2018/01/24/statussymbole/ […]

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