Unperfekt.

Wir leben in einer verrückten Welt. Heute suggeriert man uns nicht mehr bloß auf der Straße, dem Titelbild und im TV, was schön ist. Nein, „dank“ der sozialen Medien können wir uns nun rund um die Uhr mit anderen vergleichen. Das kann neben Bewunderung auch Neid, Unsicherheit und Unzufriedenheit in uns hervorrufen. So wie:

OMG ist die hübsch nach dem Aufstehen! – Ich sollte auch mehr Salat zu Mittag essen. – Wow, die hat die schönsten Haare die ich je gesehen habe. Schnell zu YouTube, um nach Tipps zum Haarwachstum zu schauen! – Wie zur Hölle verliert man in einem Monat die Schwangerschaftspfunde, liebe Kate Middleton? – Und Kim, bekomme ich wirklich eine Wespentaille durch deinen Waist Trainer…?‘

Dieser ständige Vergleich mit der Schönheit fürs Auge kann motivieren- aber auch frustrieren. Denn natürlich will jeder der Welt sein schönstes Lächeln präsentieren, und kaum einer wird dir erzählen wie viel Qual und Fake tatsächlich dahintersteckt. Aber: weißt du, wie lange sie wirklich vor dem Kleiderschrank für dieses Outfit gebraucht hat? Und wie viele Stunden erst im Badezimmer? Vielleicht ist dieses zauberhafte Wesen auf dem Bild in Wahrheit total langweilig/egozentrisch/verlogen/zwanghaft. Also mach dir nicht so einen Stress genauso sein zu müssen wie das Bild an deinem Kühlschrank, das dich vom Naschen abhalten soll!

Was der Betrachter sieht, ist das perfekt retuschierte, ernährte und gestylte Endergebnis. Zierliche Mädels in zauberhaften Outfits mit Wallemähne, hübsche Gesichter und Männer mit vermeintlich rustikalen Bärten, welche mit Spezialshampoo gewaschen und sorgsam gekämmt wurden. Hinter dem schönen Menschen auf dem Foto und auf der Straße steckt meist viel mehr, als man sieht (ja, auch Komplexe und Unsicherheit).

Auch ich bekomme schon mal Komplimente für mein Aussehen (was mich natürlich freut). Aber weißt du auch, wieso? Weil ich sehr viele Jahre an dem Gesicht gemeißelt habe, das du auf dem Foto siehst. Weil ich gelernt habe, meine Vorzüge zu betonen und die Makel zu verstecken. Das ist nicht verwerflich, aber ich finde es oft anstrengend. Das Beste aus seinem Aussehen herauszuholen ist ein Fulltime-Hobby, das weit über die regelmäßige Beinrasur und das tägliche Makeup hinausgeht.

Ja, auch ich rolle nicht mit Engels-Teint und Strahleaugen aus dem Bett. Aber ich möchte, wenn ein paar Tausend Leute meine Videos schauen oder ich im Büro arbeite natürlich nicht, dass jemand mich kritisch oder gar abwertend mustert. Also bin ich so eitel, dass ich niemals ohne Makeup-Täschchen aus dem Haus gehe.

Wieso?

Weil ich mit einem Feuermal geboren wurde. Natürlich mitten im Gesicht, na Dankeschön. Und so sehr einem die „You are beautiful“ Balladen dieser Welt erzählen wollen, dass JEDER schön ist wie er ist- die sollen mal mit so einem roten Fleck am Kinn aufwachsen #hallopubertät #warnichtsoschönmitdir

Die Lasertechnologie war in den 90ern nicht sehr ausgereift. Ich habe einige äußerst schmerzhafte Behandlungen hinter mir, und doch ist das Mal noch da. Dafür fehlen mir dank ungeschickter Ärztehand einige Farbpigmente an der Unterlippe, die „Upsi“ aus Versehen mit weggelasert wurden. Ich könnte es noch mit Permanent-Make-up versuchen, oder mit einem Superspezial-Farbstoff-Laser. Doch kann ich mich nach meiner Vorgeschichte mit diesen Behandlungen nur schwer anfreunden.

Klar, so ein Hautfleck lässt sich immer noch „einfach“ mit Makeup kaschieren. Und ich weiß natürlich, dass es viel gravierendere Probleme gibt als das.

Aber heute geht’s mal um Äußerlichkeiten, und ganz ehrlich? Ich finde das Feuermal eben nicht schön, so mitten im Gesicht. Es hat für mich Jahre voller Stress bedeutet, in denen ich sofort nach dem Aufstehen/Duschen/Schwimmen den Concealer nachbesserte. Heimlich nach dem Sex mit einem schönen Mann die Nachttischschublade aufzog und hastig Makeup auf die Stelle tupfte, um am nächsten Morgen „normal“ auszusehen.

Und nein, ich würde so auch nicht ins Büro gehen wollen. Aber ich akzeptiere mein Blutschwämmchen. Es ist ein Teil von mir mit dem ich zur Welt kam, und macht mich auf seine Weise unverwechselbar. Es half mir auch unglaublich, dass Serghei es überhaupt nicht schlimm findet. Im Gegenteil, er schimpft immer mit mir, dass ich abends nach dem Abschminken nochmal Concealer aufs Kinn tupfe. Alte Gewohnheit und der Wunsch, zu gefallen.

Ihr merkt: Dies ist kein Plädoyer dafür, seine Fehler zu lieben. Sondern eine ehrliche Erzählung davon, wie man durch Akzeptanz seiner (vermeintlichen) Makel zur Selbstliebe findet. Es ist befreiend, morgens nach dem Aufstehen und abends nach dem Abschminken mit meinem eigenen Spiegelbild zufrieden sein. Zwischendurch trage ich mein Hallo-Welt-Gesicht- das irgendwie „aufgemalt“ ist, aber mir Selbstbewusstsein verleiht.

Was ist schön? Bin ich schön?

Unser Aussehen können wir nicht in einem Katalog bestellen. Kein Mensch ist perfekt, und das ist gut so. Es ist okay, nicht alles an sich zu mögen. Ich denke sogar, es ist der gesunde Mittelweg zwischen Selbstverliebtheit und Selbstzweifeln. Ich liebe mich und akzeptiere inzwischen die Ecken und Kanten. Oder besser: Flecken und Rundungen 🙂 Hat ja keiner gesagt, dass es verboten wäre trotzdem das Beste aus sich zu machen.

2 Comments

  1. Nadine sagt:

    Sehr passend geschrieben. Ich Weiss gut wovon du redest und hab seid 5Jahren mein Leben zurück mit einem Partner der mich liebt wie ich bin und den Idealismus dem Rücken kehrt. Zehn Jahre dachte ich mit einer Bulimie anderen zu gefallen und jedem gerecht zu werden. Aber nein daraus besteht das Leben nicht!!! Ein Kind zeigt dir noch umso mehr das es sich lohnt Du zu sein und hinterlässt auf der Haut die schönste Narbe die es gibt am Bauch ❤️. Ich liebe deine Storys und deine Ehrlichkeit gegenüber dem Leben und dir selbst.

  2. Dénise sagt:

    Grandioser Beitrag, Madline! Danke fuer deine Ehrlichkeit und ich schaetze es sehr wie klar Du die Dinge benennen kannst!

    Danke fuer Deine verfassten Gedanken❤️

    Viele liebste Gruesse von Dénise (enimeni) 😉😘

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