High Need Baby und Mamas Nerven

Ich bin Mama mit Leib und Seele.

Es gibt für mich nichts tolleres, wichtigeres und schöneres auf der Welt als meinen Nikolai. Der genauso zur Welt kam, wie der liebe Gott ihn geschaffen hat und den ich um nichts in der Welt ändern wollte. Denn ja, man sollte jeden Menschen akzeptieren wie er ist (heißt ja nicht, dass man jeden MÖGEN muss, wie er ist. Also bei Fremden). Allen voran das eigene Kind. Natürlich kann man ihm die Richtung weisen. Es gut ausbilden, ihm Moral und Werte vermitteln, ein offenes Ohr haben und bedingungslose Liebe zeigen. Doch ich glaube fest daran, dass der Charakter bereits bei der Geburt in dem kleinen Menschlein schlummert und sich nicht verbiegen lässt. Dass man ein Baby mit starken Bedürfnissen und leichtem Schlaf nicht in eines „umerziehen“ kann, das mitten in einer Menschenmenge seelenruhig einschläft und sich beim Schreien selbst beruhigt. Meiner Meinung nach haben wir darauf keinen Einfluss.

So nervig und anstrengend das Mamasein ab und an für mich ist (und meine Nerven sind wirklich nicht die besten!), so deutlich erinnere ich mich nach jedem Stress und Streit mit Niki daran, dass WIR uns für ihn entschieden haben, und nicht er sich für uns. Ich habe es von Beginn an gehasst wenn Leute sagten: „Das muss er lernen.“

Nein, muss er nicht. Er ist gut so, wie er ist. Und genau wie ich konnte er sich nicht aussuchen, ob sein Schlaf leicht oder tief ist. Ebenso wenig wie Haarfarbe, Größe, ob er schöne Füße hat, geduldig oder jähzornig ist- eben das hochkomplexe, bunte Puzzlebild des menschlichen Individuums, das sich aus unzähligen Teilen zusammensetzt auf deren Beschaffenheit keiner Einfluss hat. Wie wir aussehen und wie wir im Inneren sind, hat das Wunder der Natur bereits vor unserer Geburt bestimmt (jedenfalls ich das meine Meinung).

So wurde ich zu einer leidenschaftlichen Mama mit schwachem Nervenkostüm, und mein Kind zu einem Menschen mit dem Gesicht meines Papas, der deutlich und von Beginn an zeigt was ihm gefällt- und was nicht.

So wie heute Morgen. Da war ich sehr müde, denn Nikolais Reizhusten hatte uns beide wach gehalten (S schläft wie durch ein Wunder stets friedlich weiter). Ich war mehrfach auf den Beinen gewesen um Hustensaft oder ‚Mi‘ zu organisieren, und um 6:15, beim zweiten Wachkuss meiner Kaffeetasse, kräht mein Wichtel aus dem Bett.

„Mama. Mama. MAAAMA.“

„Ja, Schatzi?“

„Mi.“

Ich laufe also mit halb verteilter Foundation ins Schlafzimmer und reiche meinem Kind das Fläschchen.

„Decke.“

Das bedeutet: Mama, komm zu mir unter die Decke. Und ooooh, ich finde es so süß wenn Nikolai kuschlig ist, dass ich nie widerstehen kann. So kuschele ich mich für eine Minute zu ihm und genieße das leise Sauggeräusch während er seine Hafermilch trinkt. Doch muss ich auch für die Arbeit fertig werden, und reiße mich bald schweren Herzens aus der Situation heraus. Natürlich will der Wutzi nun „Arm“ und ich nehme ihn mit ins Bad. Einen Fuß auf den Badewannenrand gestützt, setze ich mein Kind auf den Oberschenkel und lege den Rest des Makeups einhändig auf. Sobald S unterstützend versucht ihn mitzunehmen, brüllt der Zwerg protestierend los. Nur die Mama!

Irgendwann kann ich Nikolai für eine Folge „Mascha“ begeistern und frisiere mich am Spiegel im Wohnzimmer, um in seinem Blickfeld zu bleiben.

Eine ruhige Stunde mit heißem Kaffee, Makeup und einer Folge Grey’s Anatomy auf dem iPad wäre mir nach der rauen Nacht lieb gewesen. Aber natürlich schlage ich meinem Kind, das mich neun Stunden am Tag nicht sieht, keinesfalls den Wunsch nach Zweisamkeit ab!

Doch auch wenn ich eine leidenschaftliche, fürsorgliche und „Helikopter“-hafte Glucke bin, so zehrt der volle Einsatz in jedem Bereich meines Lebens an den Nerven. Denn nicht immer ist Nikolai mit meiner bloßen Anwesenheit happy, sondern fordert meine aktive Teilnahme an dem, was er gerade tut. Das ist nur natürlich und wunderschön! Ja, wir sind tagsüber nicht zusammen. Ja, ich HABE ein hundsmiserables Gewissen deswegen. Und deshalb möchte ich meinem Kind zuhause so viel Aufmerksamkeit schenken wie nur irgend möglich. Auch wenn neben ihm ein Job, Haushalt, Mann, Hund, Post und meine Schreiberei warten, und ebenfalls meine volle Sorgfalt verlangen.

Um alles zu verbinden darf Nikolai in den letzten Tagen in seinem Learning Tower kochen, während ich in der Küche hantiere. Deshalb sitzt er bei mir wenn ich mich schminke, beobachtet mich beim Duschen, zieht mich an der Hand zu seinem Zug und wartet an der Haustür, bis ich aus dem Waschkeller zurück komme. Mein kleiner Sohn sucht meine Nähe und ich will verflucht sein, wenn ich ihm die nicht gebe!

Das alles IST anstrengend. Ein Kleinkind IST eine Herausforderung, und es ist KEINE Schande, das zuzugeben. Seit dem Tag der Geburt meines Augensterns bin ich, wie S und meine Mutter oft sagen, „unentspannt“. Ich sorge und kümmere mich ununterbrochen. Räume auf, koche, putze, spiele, stille, ermahne, erkläre, bade, creme, wickle und tröste seit nunmehr zweieinhalb Jahren jeden Tag, ob wir gerade zusammen sind, oder nicht.

Das Gedankenkarussell steht niemals still: Ist er glücklich? Fühlt er sich verstanden? Wieso weint er? Sucht er nach mir, wenn ich weg bin? Hat er Hunger/Bauchweh/Zahnschmerzen und wieso zur Hölle WEINT er??

NATÜRLICH ist man da „unentspannt“. Nikolai war von Beginn an kein „Übungsbaby“. Er ist schlau wie ein Fuchs, war bereits mit vier Monaten gelangweilt vom Herumliegen und hat bis weit nach seinem 1. Geburtstag niemals ohne Schaukeln, Stillen und Kuscheln in den Schlaf gefunden. Wenn ich da so manche Mutter höre deren Kind „von Anfang an durchschläft, hihi“- ja, dann ist das schön für sie. Doch was nutzt mir so ein Vergleich? Ich selbst habe ebenfalls einen leichten Schlaf, kann selten tatenlos herumsitzen und brauche Aufgaben, um das Gehirn auf Trab zu halten. Mein kleines Baby ist da nicht anders, und das stört mich auch nicht.

Doch die völlige Aufopferung für den eigenen Spross geht nicht spurlos an einem vorbei. Manches Mal schreiben mir Leser „Du bist im Gesicht viel reifer als vor zwei Jahren“. Klar! Durchgeschlafen habe ich nur an den Wochenenden während unserer Trennung, wenn N bei Serghei übernachtet hat (und diesen „Luxus“ haben die wenigsten Eltern!). Und tagsüber vibriere ich immer auf hoher Frequenz.

Das stört mich wirklich nicht. Nikolai hat meinem Leben eine Wendung gegeben, die wunderbar und wichtig und die einzig richtige war. Er ist mein Antrieb, meine Sonne, mein Herz außerhalb meines Körpers.

Doch auch die hingebungsvollste Mama darf gestehen, dass es nicht immer leicht ist das eigene Wohl hinter dem des kleinen Chefs anzustellen. Sein komplettes Leben und Dasein um dieses Wesen und dessen Bedürfnisse herum zu stricken. Oft freue ich mich den ganzen Arbeitstag lang auf meinen Niki, nur um mit unzufriedenem Schimpfen und Gebrüll den Nachmittag zu verbringen. Weil N unausgeglichen ist/sich unverstanden oder unbeachtet fühlt/etwas will, das er nicht darf.

Ja, dann möchte ich mich manches Mal neben ihn auf den Boden werfen und mit heulen!

Ich habe hier keinen Lösungsansatz parat, und mit einem wütenden Kleinkind am Rockzipfel bringt auch ein Hygge Moment reichlich wenig Entspannung. Eisern zünde ich dennoch alltäglich Kerzen und Lichterketten an, um ein gemütliches Zuhause zu haben. Wenn ich schon auf frühere Annehmlichkeiten wie Maniküre, Fitnessstudio, Sonnenbank, spontane Kaffees mit Freundinnen, entspannte Supermarktbesuche und Nachmittage mit einem guten Buch verzichten muss (Tag hat einfach zu wenig Stunden!), so erhalte ich mir die Heiligkeit meines Zuhauses. Schminke mich täglich (auch als ich noch mit N daheim war), schwinge den Rasierer, pflege meine Nägel (und wenn es morgens zwischen Tür und Angel ist). Ein Stück Frausein und Selbstliebe ist unerlässlich für einen gesunden Geist (auch das ist natürlich meine subjektive und bescheidene Meinung).

Ansonsten versuche ich im Alltag zu verstehen, was Nikolai mir sagen möchte. Er entdeckt gerade intensiv, dass er ein eigenständiger Mensch ist und möchte vieles allein machen und entscheiden. Was er anzieht, wann er badet, dass er jetzt mit mir kochen und nicht mit Papa spielen will. Er hat eigene Ideen, teilt mir mit wenn er an „Nonna“ (meine Mama) oder „Nis“ (meine Freundin Denise) denkt. Er sagt „Bissen“ wenn er in der Kita gebissen hat, und „Leiter“ wenn ich den Learning Tower holen soll. Sogar „Nein, weg“, wenn er mein Handy sieht und möchte, dass ich mich nur auf ihn und nichts anderes konzentriere.

Wie kann ich ihm da böse sein? Ich LIEBE es, mit ihm die Welt zu entdecken! Und ich mache alles mit-

-außer, die Bettzeit zu verschieben. Um 20:00 beginnt die Mama-und-Papa-Zeit, und die brauche ich. Ganz bewusst wird erst dann in Ruhe gegessen, erst dann ein Film eingeschaltet und erst dann lege ich oft zum ersten Mal am Tag die Beine hoch.

Elternsein ist nicht nur die flauschige Wattewolke der Dreisamkeit, auf der man zuckerfreie, selbstgebackene Bio-Baby-Kekse futtert, das Haus von allein sauber bleibt und sich keiner streitet. Es kann ein Kampf mit einem winzigen Wutbündel sein, bei dem man dem Partner verzweifelt in die Augen sieht und mit den Lippen ein „Was HAT er denn nur?“ formt.

Doch genau das ist der Knackpunkt, zumindest für mich: In harten Momenten ist geteiltes Leid halbes Leid. Dann wechseln S und ich uns mit den „Verhandlungen“ mit dem Terrorzwerg ab und stehen das gemeinsam durch, anstatt uns wie früher durch den Stress selbst in die Wolle zu kriegen. Man kann ihn vielleicht nicht immer verstehen. Aber zeigen, dass man (in unserem Falle gemeinsam) für sein Kind da ist. Das stärkt die Bindung und das Vertrauen, und Trost beendet einen Wutanfall weitaus schneller als Zurückbrüllen. Dann ist in den Bilderbuchmomenten das geteilte Glück dreifaches Glück.

PS Ich weiß auch, wie es als Alleinerziehende sein kann. Wenn man keinen Partner zum Leidteilen im Alltag hat, und mit der Wut und dem Frust allein dasteht. Auch da habe ich Nikolai stets als erstes getröstet, anstatt mich von seinem Geschrei stressen zu lassen. Und auch die Erfahrung gemacht, dass das Zusammensein anders ist wenn nur ein Elternteil bei ihm ist. One-on-one ist Niki weit weniger kapriziös. Ich denke, weil er sich dann der Aufmerksamkeit der Bezugsperson sicher ist. In schweren Momenten hat es mir damals aber immer sehr geholfen, mit meinen Freundinnen zu sprechen und mal eine Stunde für mich zu haben, wenn eine von ihnen Niki auf einen Spaziergang mitnahm. Ganz wichtig, um bei sich zu bleiben!

5 Comments

  1. Catrin sagt:

    Hallo meine Liebe,

    eigentlich gehöre ich eher zu den stillen Lesern. Aber nun möchte ich doch einmal Danke sagen. Es tut erstaunlich gut so ehrliche Worte zu lesen. Auch ich bin berufstätig und muss den Spagat zwischen Arbeit und Familie meistern. Dies ist an manchen Tagen alles andere als leicht. Dennoch ist unser kleiner Schatz mein ein und alles. Ich kann dich daher gut verstehen.

    Herzliche Grüße
    Catrin

  2. Corinna sagt:

    Wir sind hier mal wieder in einer ganz ähnlichen Situation – die Autonomiephase hat voll zugeschlagen. Und so gerne ich unseren Wutzwerg in dieser manchmal so verwirrenden Zeit unterstütze, so zehrt es auch ordentlich an meinen/unseren Nerven. Da hilft manchmal nur tief durchatmen, äußerlich cool bleiben und innerlich (oder nach „Feierabend“) mal ordentlich Scheiße schreien. 😂 Über diesen Stress und die gereizten Nerven wird viel zu wenig offen gesprochen. Danke, dass du es auch zum Thema machst!

  3. Jasmin sagt:

    Es ist so schön zu lesen, dass es anderen Müttern genauso geht wie mir 🙂 Mein kleiner ist jetzt 1.5 und ebenfalls ein echter Terrorzwerg. Ich genieße jede Minute mit ihm, bin aber ehrlich gesagt abends froh wenn er schläft, ich die Füße hochlegen und etwas für mich tun kann.
    Ich finde deine Einstellung zur Erziehung super.
    Danke für deine Ehrlichkeit.

  4. Julia sagt:

    Liebe Madline,

    wieder mal ein super erlicher und toller Beitrag von dir.
    Es tut einem gut deine Texte zu lesen. Mach weiter So! Ich freue mich schon auf dein Buch.

    Ganz liebe Grüße
    Julia

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