Eltern sein, ein Team bleiben.

Eltern werden ist nicht schwer, Elternsein dagegen sehr. Jedenfalls manchmal trifft letzteres auf uns alle zu, oder? Gerade in Krisen oder Erziehungsfragen kann sogar ein winziges Team aus zwei Menschen gespalten werden. Uns ist das schon einmal passiert. Daher ist es eine meiner größten Ängste, S wieder als Weggefährten zu verlieren weil wir uns uneinig sind und nicht miteinander sprechen. Ein Beispiel:

Kürzlich ist unser kleiner Sohn wieder in den Nachtschreck geraten und das begann so: Ich war mit Nikolai daheim geblieben, weil er am Vortag Fieber gehabt hatte und beobachtet werden sollte. Den ganzen Tag über war er recht fit, und ließ sich erst um 15:00 zum Mittagsschlaf hinlegen. Als S nach der Arbeit nach Hause kam war es 17:00, und Niki schlief immer noch.

„Ich wecke ihn“, raunte Serghei im Flur.

„Nein!“, zischte ich. Denn wir haben Nikolais Schlaf noch nie gestört, und sind damit stets gut zurecht gekommen.

„Aber dann schläft er womöglich bis 22:00, und ist dann hellwach“, gab S zurück.

Ich überlegte. Irgendwie hatte er ja recht. Aber ich war gerade eben noch am Kinderbettchen gewesen, und Nikolai hatte tief und friedlich geschlafen.

Ich legte letztlich keinen erneuten Einspruch ein, weil S‘ Argument mir einleuchtete. Und damit nahm das Drama seinen Lauf.

Serghei ging leise in Nikolais Zimmer, und weckte ihn mit sanfter Stimme auf. Er war nicht laut, schaltete kein Licht ein. Doch Nikolai begann, sich schrecklich aufzuregen. In der nächsten Stunde brüllte unser kleiner Sohn im Halbschlaf wie am Spieß. Er trat und schlug um sich, und war durch nichts und niemanden zu beruhigen. Kein Dämmerlicht, kein lautes Reden, Trösten, Kuscheln, Fläschchen. Unser Nikolai konnte nicht aufwachen und nicht mehr einschlafen- und wir waren beide hilflos und überfordert.

Während ich mit meinem aufgebrachten Bündel auf dem Sofa saß und mich bemühte nicht mitzuweinen, gingen mir mögliche Vorwurf-Formulieren durch den Kopf. Ich wollte S anmeckern, dass er es doch besser gelassen hätte Niki zu wecken. Mich sarkastisch „bedanken“, mich mit ihm streiten. Dann fiel mir ein, dass ich sein Argument eingesehen und mit Schuld hatte. Und vor allem: Dass wir diese Situation als Team besser durchstehen würden, als mit einem Keil der Schuldzuweisungen zwischen uns.

So unterließ ich meine Schimpftirade und griff nach Sergheis Hand.

Es fühlte sich besser an, Nikolais Weinen gemeinsam zu ertragen. Ein Streit wäre unnötig und deskonstruktiv gewesen, und hätte uns beiden mehr geschadet als geholfen. Nachts geschahen die Anfälle noch zwei weitere Male. Ich lag verzweifelt mit Nikolai wach und fragte mich, wie das morgen in der Kita sein würde. Nach dem Aufstehen besprach ich mit Serghei, ob wir ihn besser zuhause beobachten sollten und er bot sofort an, im Notfall daheim zu bleiben falls Nikolai beim Aufstehen wieder so aufgelöst wäre.

Vor dem Hundespaziergang nahm ich meinen Partner fest in den Arm und wir sagten uns, dass wir uns lieben.

Nikolai kam kurze Zeit später verschlafen und lächelnd aus unserem Bett ins Badezimmer getapst, wo ich mich für die Arbeit fertig machte. Er hatte den Nachtschreck vergessen- und wir sind als Paar ein Stück enger zusammengerückt, anstatt uns anzugiften.

Sicher funktioniert das nicht in jeder Situation so. Und in manchen Punkten sind Diskussionen, Reflektionen und Argumente wichtig. Doch Schuldzuweisungen bringen in einer Krisensituation keinen weiter, und sind Gift für jede Konfliktlösung. Nur zusammen sind wir stark, und mit kurzem Nachdenken und einer rationalen Perspektive lassen sich viele verletzende Situationen vermeiden.

4 Comments

  1. Hannah sagt:

    Danke für diesen Text. Er hat mich inspiriert. Leider fällt es mir manchmal schwer, weil die Emotionen schneller sind als das Denken.
    Toll, dass es bei euch so gut läuft im Moment 😊
    Alles Liebe für dich und deine kleine Familie. Ich mag deinen Blog super gern

  2. Carina sagt:

    Dein Blog ist einfach der Wahnsinn. Leider fehlt mir oft die Zeit zum kommentieren.
    Mach weiter so und ich wünsche dir so viel Glück und vorallem eine ganz tolle Zeit mit deiner kleinen Familie.

    Ganz Liebe Grüße Carina

  3. Thami sagt:

    Bei mir sind auch sehr oft die Emotionen und Worte schneller. Und seid wir unsere zweite Tochter haben finde ich es noch schwerer mal kurz nachzudenken und innezuhalten bevor man was sagt.
    Danke für den Text. Sehr schön geschrieben.
    Es gehört einfach auch harte Arbeit an sich selbst zu einer Partnerschaft dazu..

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