Leben, nicht Warten.

In unserer „ersten“ Beziehung verbrachte ich viel Zeit damit zu warten.

Darauf, dass mein letztes Semester an der Uni vorüber wäre. Dass ich endlich „erwachsen“ sein und meinen ersten Vollzeitjob beginnen würde. Ich wartete, dass eine der vielen Diskussionen mit meinem Partner Früchte tragen und wir ein „harmonisches“ Pärchen würden. Als ich dann überraschend schwanger wurde wartete ich, dass das „richtige Leben“ endlich begann. Wartete auf den Einzug in unsere erste gemeinsame Wohnung und darauf, dass die furchtbare Depression aufhören möge (gegen die ich natürlich aufgrund des kleinen Babys in meinem Bauch keine Medikamente nehmen wollte). Ich wartete auf die Geburt und dann später, dass wir endlich ein harmonisches Familienleben führen würden. Darauf, dass Serghei von seinem Job nach Hause kam und wir irgendwann endlich in ein kleines Haus ziehen mögen.
Erst mit der Trennung hatte mein Warten ein Ende. Denn es gab keine Zeit zum Verharren, keinen Platz für Passivität. Ich musste unser Leben neu sortieren, an meine Grenzen gehen und täglich handeln. 

Vielen Menschen geht es wie meinem früheren Ich, das mir heute so weit weg erscheint. Wir warten, dass das „Leben anfängt“ und knüpfen diesen Startpunkt an bestimmte Meilensteine. Auf Dann, wenn die Schule oder die Uni vorbei ist. Auf den ersten „richtigen“ Job und den Partner fürs Leben. Warten auf das Wochenende, den Urlaub, auf Weihnachten oder dass der Kredit für XY abbezahlt ist. 

Und der Weg bis hin zu diesen Meilensteinen? Diese Zeit, die oft ungenutzt verrinnt während wir auf diese Dinge warten und den Horizont anstarren. Woher wollen wir wissen, wie viel Zeit uns bleibt?

Ja, so manches können wir nicht beschleunigen. Eine Schwangerschaft zum Beispiel, oder ein Semester. Die Tilgung eines Kredits, die Werktage bis zum Wochenende oder sichtbare Erfolge unseres harten Trainings an unserem Körper.

Das sind Dinge, die unweigerlich ihre Zeit brauchen.

Doch bis wir an einem dieser Ziele angelangt sind, kann auch so viel Schönes passieren. Wir können so vieles lernen und ins Herz schließen, bevor ein vermeintlich wichtiges Ziel erreicht ist. Das merke ich jetzt, wenn ich nach Monaten nochmal den Tag allein mit Niki und Flocke verbringe, so wie früher. Ich habe mich damals schrecklich überfordert gefühlt. Ich war depressiv, fühlte mich allein gelassen und unfähig.

Heute weiß ich, zu was ich im Stande bin. Dass ich in der Lage bin unabhängig von jedem für uns zu sorgen, ob materiell oder als Fels in der Brandung.

Ja, ich habe mir immer ein harmonisches Nest für meine eigene kleine Familie gewünscht. Doch hätte ich niemals den Weg dorthin planen können. Ich hätte niemals mit einer Versöhnung gerechnet, so wie ich mich lange Zeit nicht imstande gesehen hatte mich zu trennen. 

Rückblickend war das Jahr unserer Trennung die „Zwischenzeit“, in der ich rein unterbewusst wartete und dafür umso bewusster handelte. 

Heute bin ich froh, dass ich damals nur im Moment leben und entscheiden konnte. Ich sah meine Zeit als „Singlemom“ nicht als Abwarten. Sondern als den Moment, uns in eine gute Richtung zu lenken. Mich zu verwirklichen, die Anspannung zwischen mir und S zu lösen, und nach seinem Auszug unser Zuhause zu erhalten. Diese Entscheidungen haben von ganz allein zu dem geführt, was ich mir schon seit dem Barbiespielen in meinem Kinderzimmer gewünscht hatte: eine glückliche, kleine Familie. Heute warte ich nicht mehr, dass S heim kommt um mit Flocke Gassi zu gehen. Wenn er zu spät ist, packe ich N und die Hündin und gehe raus (ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber damals ein großer Schritt für mein gestresstes Ich).

Während wir warten, können wir uns anderen Dingen zuwenden. Das Eisen unseres Glücks schmieden, solange es heiß ist.

Auch ich bin ein ungeduldiger Mensch. Wie gern hätte ich mit meinem Baby im Bauch per FaceTime telefoniert um zu sehen wie es aussieht! Wie sehr freue ich mich an so manchem Montag Morgen auf den Freitag Nachmittag, oder auch nur auf 15:45, wenn ich meinen Wutz in der Kita abholen kann. 

Doch was nützt es, sich in der Zwischenzeit in einen Stand-by-Modus zu versetzen? Soll man dasitzen, seufzen und jammern bis das „Leben anfängt“? 

Ich sage: Nein! 

Wir stecken doch alle schon mitten im Leben. Egal ob Du Schüler, Student, Eltern oder Working-Girl/Guy bist. Jeden Tag stehen wir auf und geben unser Bestes an dem Platz, den man uns in diesem Leben zugewiesen hat- oder auf dem, den wir uns erkämpft haben. Und so chaotisch, gnadenlos und herausfordernd das Leben sein kann- so bunt, lehrreich, schön und wertvoll ist es doch am Ende- wenn man Herz und Augen öffnet.

Auch eine „Zwischenzeit“ kann, nein sie MUSS, sinnvoll und gut sein! Das sind wir dem Geschenk des Lebens schuldig. Und wer weiß! welche fantastischen Lektionen, Möglichkeiten und Menschen so ein Moment im Wartezimmer des Lebens mit sich bringt. 

1 Comment

  1. Dora sagt:

    Liebe Madline,
    vielen Dank für die schönen Worte. Sie sind so wahr.
    Ich fühle mich selbst oft wie dein altes Ich und verbringe viel Zeit mit Warten. Warten bis jemand heimkommt, mir mal das Kind abnimmt, warten, dass jemand die Entscheidungen trifft, warten bis (neben Mama und Hausfrau sein) mein Leben beginnt. Deine Worte geben mir zumindest einen kleinen Anreiz, etwas daran zu ändern. Obwohl ich es schwierig finde anzufangen, ohne den entscheidenden Startpunkt, wie bei dir die Trennung.
    Viele liebe Grüße
    Dora

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