Wütend aufs Kleinkind?

Ich sitze mit Nikolai in einem herrlich warmen Schaumbad und könnte heulen. Sein kleines Händchen wirft jedes Hartplastik-Spielzeug nach mir das er finden kann, der Blick reglungslos. Ermahnungen und Erklärungen zeigen keine Reaktion. Böse ist er im Übrigen nicht- es ist bloß ein Zeitvertreib, mich mit Autos und kleinen Plastikgießkannen abzuwerfen. Und das, obwohl er satt ist, meine Aufmerksamkeit hat und wir eigentlich friedlich gespielt haben. Badewannen -Völkerball macht mir allerdings überhaupt keine Freude. Ich hatte mir ein Sonntagsschaumbad mit meinem Baby ganz anders vorgestellt. Und eine Zeitlang spielten wir auch friedlich, bis Nikolai sich entschloss mich zu eliminieren langweilte.

Darf ich auf mein Kleinkind wütend sein? Nein! ruft es in meinem Kopf. Er ist klein, er handelt impulsiv, instinktiv und meint es niemals böse.

Doch ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, als wir in der Badewanne sitzen und er Spielzeug nach mir wirft. Mich hauen will, und mit Wasser übergießen. Das tut mir weh, und es verletzt mich. „Er testet seine Grenzen“, sagt Serghei. Ja, verstehe ich. Und meine ist erreicht, wenn ich Nikolai fünfmal, sechsmal sage „Nein, das tut Mami weh. Das darfst du nicht, ich möchte dass du aufhörst.“ Er versteht mich doch! Und dennoch schubst er weiterhin beharrlich sein Spielzeugauto über meine imaginäre Grenze und ruppig gegen mein Schienbein.

Darf ich da böse sein? Nein. Er meint es ja nicht so. In der Tat testet er, wie weit man bei Mami gehen kann. Sachen zurückwerfen geht nicht, denn damit würde ich suggerieren, dass sowas okay ist (außerdem will ich ihm natürlich nicht wehtun!). Was bleibt mir also übrig? Ich steige triefend nass aus der Wanne und tapse zu meinem Handtuch. Trockne mich ab und atme tief durch, während Nikolai mein Glätteisen von der Handtuchstange zerrt und scheppernd auf den Boden schmeißt.

Ich darf nicht wütend auf ihn sein. Denn wir haben bewusst entschieden, Eltern zu sein, mit allem was dazugehört. Und ein Kleinkind ist definitiv kein Spaziergang. Aber es nützt nichts, auf Niki wütend zu sein. Es ist, wie Serghei sagt: er testet seine Grenzen. Das ist auch die Aufgabe eines Kindes. Wie soll es sonst lernen, bis wo es gehen darf? Wie die anderen Menschen um ihn herum ticken? Und wer soll ihm das zeigen? Wir natürlich. Wir führen unsere Kinder ins Leben, von dem Moment an, in dem sich ein winziger Zellball in unserem Uterus bildet. Und unsere Kleinen verdienen es, beschützt, geliebt und besonnen an die Hand genommen zu werden. Ich möchte keine Mutter sein die brüllt, und sich auf nichts mehr freut als auf Babys Schlafenszeit.

Ich bin aber auch keine Mutter Teresa, und auch ich habe Gefühle. In Fällen wie dem Schaumbad-Debakel weiß ich auch nicht weiter, weil mir keine passende Reaktion einfällt. Ich habe ermahnt, deutlich erklärt, und eine strenge Stimme benutzt. Letztlich mache ich es wie im Wolfsrudel: Das Mitglied, das dem Anführer aus der Reihe tanzt, wird ignoriert. Was zunächst instinktiv von mir ist (weil ich nicht vor Nikolai aufgeben und heulen möchte) wirkt am Ende. Nachdem ich ihn fünf Minuten lang nicht angeschaut und mich in Ruhe angezogen habe, fragt er: „Mama?“ als sei nichts gewesen. Vielleicht hat er gemerkt, dass er mit seinen Würfen nur erreicht, dass ich ihn nicht beachte. Verstehen, dass es andere nicht nur äußerlich verletzt wenn ihnen ein Spielzeugauto ins Gesicht fliegt, das kann er natürlich noch nicht. Ich nehme das Fröschlein aus der Wanne, und wir verbringen noch eine richtig schöne Stunde zusammen in der gekuschelt und gespielt wird (ohne tätliche Angriffe).

Und was ist mit den Momenten der Frustration, Erschöpfung, Ratlosigkeit? Die gehören dazu. Auch wir Eltern sind nur Menschen, und bräuchten für diese Lebensaufgabe Nerven wie Drahtseile. Aber niemals dürfen wir unsere negativen Gefühle auf die Kinder übertragen. Als Nikolai kürzlich das Auto mit Kuli bemalte während ich den Kofferraum packte, war ich nur auf mich selbst böse. Ich habe schlicht meine Aufsichtspflicht vernachlässigt. Niki hat lediglich den Kugelschreiber ausprobiert, ohne böse Hintergedanken. Natürlich muss man schimpfen, damit er versteht dass das falsch ist. Aber man darf nicht wütend auf ihn sein. Immer wieder und wieder die Grenzen aufzeigen, erklären, und loben wenn er mitspielt. Das klingt nicht nur anstrengend, das ist es auch. Man braucht jede Menge Geduld, Nerven und Kraft. Aber ich bin sicher, dass man mit Ruhe mehr erreicht als mit verzweifeltem Gebrüll. Das suggeriert dem Zwerg ja auch, dass er/sie einen nicht mit Spökes aus dem Konzept bringen kann. Während Kleinkinder noch selten auf ihre rationale Gehirnhälfte zurückgreifen können, sollten wir Erwachsenen umso mehr davon Gebrauch machen. Damit unsere Kinder später genauso liebevoll unsere Enkel ins Leben begleiten, wie wir es ihnen heute zeigen. Damit sie in einer sicheren, geregelten und liebevollen Umgebung aufwachsen. Wir haben uns für sie entschieden, und wir sollten unsere Überlegenheit nur zu ihrem Besten nutzen.

6 Comments

  1. Irene sagt:

    Meine Liebe Madline ! Wie immer toller Beitrag :)! Ich persönlich wie ich öffters erwähnt, habe noch keine Kinder war aber 3 Jahre au pair . Solche Sachen passieren jeden. Ich persönlich habe nie , und werde vermutlich nie , so reagieren wie du es gemacht hast . Wenn ich mit einer „meiner“ Kinder war und die es zu weit getrieben haben fand ich es wichtig den Spaß aufzuhören . Ich drohe nicht , oder versuche auch nicht zu verhandeln . Hauen tut man nicht. Es ist egal ob er mir weh tut oder nicht . Dann geht er in die Kita und macht es da weiter, brüllt aber sobald er sieht das des nicht akzeptiert wird . Wenn es ihn darum geht sich zu bewerfen kann man gemeinsam eine Kissen schlackt machen, oder statt Plastik Spielzeug kleine Bälle in die Wanne nehmen und sich gegenseitig bewerfen . Wenn er weiter macht raus aus der Wanne . Das ignorieren nutze ich nur wenn ich eine Entschuldigung erwarte die sich auch gehört wenn man jemanden aua macht . Das kannst du auch machen ohne auf ihn wütend zu sein ! So handhabte ich das :p Grüße aus Trier !

  2. Sina sagt:

    Wenn ich Wörter lese wie: schimpfen, ermahnen, strenge stimme…kommt es mir hoch!!

    Vielleicht liegt genau daran sein Verhalten! Emphatie und eine Sprache auf Augenhöhe ist in diesem sowie in jedem Alter das A und O!

  3. Ji_lli sagt:

    Hallo 🙂
    Dass du aus der Wanne gehst und ihn kurz ingnorierst, kann ich nachvollziehen, aber wie lernt er so seine Grenzen? Mama ist halt fertig mit Baden und zieht sich an.
    Du sagt selbst, dass N fast alles versteht, dann versteht er auch, dass das was er macht ganz falsch ist. Man bewirft Mama nicht in der Wanne und auch keine Kinder im Kindergarten. Wenn man ihm sagt, dass dann Schluss mit Baden ist, versteht er das auch. Warum wäre es also falsch, ihn aus der Wanne zu holen? Ohne sauer zu sein, aber eben klare Grenhen zeigen. Ansonsten kann er noch ewig seine Grenzen suchen, ohne welche zu finden.
    Das sind meine Gedanken dazu. LG

    • NikiMami sagt:

      Liebe Jilli, ich hab ihn dann auch (unter Protest) herausgeholt und mache das seitdem immer, wenn er wieder den Wannen-Terroristen spielt. Ich war in dieser Situation wirklich überfordert und habe instinktiv gehandelt. Man hätte sicher vieles noch besser lösen können, aber es war ganz neu für mich, dass er auf nichts hörte was ich sagte. Ich habe erklärt, gefragt, versucht ihn abzulenken. Aber er testete in dem Augenblick wirklich, wie weit er gehen kann. Ihn herauszunehmen wäre auf jeden Fall die beste Idee gewesen, aber ich wollte mich zuerst kurz beruhigen und nicht vor ihm weinen. Deshalb ging ich zuerst. Ich verstehe aber, was du meinst! Danke für deinen Hinweis 😘

      • Ji_lli sagt:

        Guten Morgen,
        lieb, dass du so schnell antwortest.
        Es ist interessant zu lesen, dass du das „aus der Wanne nehmen“ auch als eine gute Lösung siehst. Das wär mir nicht bewusst. Es gibt siche viele gute Lösungen, aber vor allem ist es in der Situation immer noch mal anders. Im Nachhinein lässt sich alles besser reflektieren und leicht sagen. Gerade wenn es so neu für dich war und du lieber geweint hättest, ist das Zurückziehen vermutlich genauso wichtig.
        Letztendlich sind alles nur Phasen 😉
        Groß und kein Teilewerfer wird Nikolai so oder so :-))
        Ganz liebe Grüße
        Jilli

  4. Claudia sagt:

    Hallo liebe Madline,
    danke für Deinen ehrlichen Beitrag. Dieses Thema beschäftigt mich/uns momentan sehr, da unsere Tochter (21 Monate) seit einiger Zeit eine „grobe Phase“ hat uns uns versucht zu pfetzen oder mich an den Haaren zieht, wenn ihr was nicht passt. Sie macht das auch immer wieder aus dem Nichts bei anderen Kindern (ins Gesicht pfetzen) was für mich eine große Herausforderung ist, da ich noch nicht heraus gefunden habe, was wirklich hilft und warum sie das macht. Ich nehme sie immer sofort aus der Situation raus und erkläre ihr, dass das nicht geht. Aber ich habe das Gefühl, dass das oft gar nicht ankommt. Ich versuche , ruhig zu bleiben, was mir aber nicht immer gelingt.
    Deine Reaktion kann ich gut verstehen, manchmal weiß man nicht was machen und tut dann intuitiv was und Du hast sicher nichts falsch gemacht. Auch wir sind nur Menschen und haben Gefühle und Emotionen.

    Unsere Wut und Verzweiflung; die wir manchmal haben dürfen wir keinesfalls auf unsere Kinder übertragen, da hast Du vollkommen recht.
    Aber Grenzen aufzeigen finde ich immer noch schwierig, da ich nicht genau weiß wie solch kleine Wesen das am Besten verstehen denn auf der einen Seite verstehen sie schon ziemlich viel und auf der anderen Seite vielleicht doch nicht, weil sie noch nicht einordnen können was verletzt und was nicht…
    Für mich gerade alles eine große Herausforderung.
    Alles Liebe für Dich ☉

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