Liebe Dich.

Mein Papa ist der herzlichste, gütigste und vor allem fleißigste Mensch den ich kenne. Er arbeitet nunmehr sein beinahe FÜNFZIG Jahren in der Gastronomie. Viele Momente in meinem Leben und dem meiner Schwester hat er wegen der Arbeit verpasst, erlebte in diesem Restaurant eine ganze Reihe unfähiger Chefs, frecher Gäste und ist über die Jahre sicher mehrere Tausend Kilometer mit Tellern auf dem Arm herumgeeilt. Doch empfindet er Verbitterung darüber, bis heute keinen eigenen Laden zu haben? Nein. Genervte Unfreundlichkeit, weil ihm der hundertste Gast mit derselben Frage oder Beschwerde kommt? Niemals! Nach all den Jahren begrüßt er jeden so herzlich dem Restaurant, als sei es sein eigenes Wohnzimmer. Mein Papa würde, gemessen an seinem Fleiß und reinen Herzen, ein ganzes Königreich verdienen. Doch auch ohne eigenes Restaurant oder großes Bankkonto: Papa ist glücklich und zufrieden wenn er abends in seine gemütliche Wohnung kommt, sich mit einem leckeren Steak auf das abgewetzte Ledersofa fallen lässt (das es schon länger gibt als mich!) und kroatisches Fernsehen schaut. Weil er mich und meine Schwester hat. Weil er sein Zuhause und seinen Job liebt, und mit sich selbst im Reinen ist.

Ich denke, ein großer Teil der menschlichen Unzufriedenheit begründet sich im Vergleich mit anderen. Das liegt wohl in unserer Natur. Die meisten Menschen vergleichen sich mit ihren Artgenossen: ihren Körper mit dem von Prominenten, ihr Haus mit dem des Nachbarn. Das eigene Kind mit denen anderer Eltern, ihren Job mit dem des Kollegen usw.

Aussehen, Macht, Geld, Erfolg… all diese Dinge sind unterschiedlich verteilt. Und die Wege auf denen man sie erreicht, sind ebenso verschieden. Manche erben das Geld/Aussehen/den Job/die Intelligenz von ihren Eltern. Viele müssen sich alles hart erarbeiten. Und wieder andere jammern und meckern in einem Fort, neiden- aber aktivieren sich nicht für ihr eigenes Glück. Natürlich ist Fleiß keine Erfolgsgarantie. Oft fehlt so manchem Fleißigen das Quäntchen Glück oder eine persönliche Eigenschaft bis hin zum Erfolgsziel. So ist zum Beispiel mein Papa leider kein guter Buchhalter, hat sich manches Mal auf die falschen Menschen verlassen und ist am Ende wohl einfach zu nett, um ein bissiger Geschäftsmann zu sein.

Was die Anekdote von ihm Dir sagen soll: auch wer bis zur Rente keine „Kohle gescheffelt“ hat, der hatte sicherlich dennoch ein Leben, das unseren Respekt und unsere größte Anerkennung verdient. Mein Papa ist reich an guten Menschen in seinem Leben, an seinem geliebten Alltag, an Erfahrungen. Dafür hat er sich immer wieder voller Zuversicht bemüht, war fleißig und ist nach jedem Sturz mit einem Lächeln wieder aufgestanden.

Ich finde es wichtig sich bewusst zu machen, dass der Vergleich mit anderen selten gesund ist. Klar kann es anspornen, wenn der Kollege befördert wird. Wenn das Nachbarskind schon aufs Töpfchen geht, die Schwester mehr verdient und die Freundin zehn Kilo abspeckt. Doch wie oft fragen wir uns wirklich:

„Tue ich alles, um dieses Ziel auch zu erreichen?“

„Habe ich die Fähigkeiten, dieses Ziel zu erreichen?“

Und am wichtigsten: „Will oder muss ich dieses Ziel erreichen um glücklich zu sein?“

Neid und Missgunst sind nichts als kontraproduktiv und lassen uns verbittern. Wer in den oben gestellten Fragen wirklich ehrlich zu sich selbst ist, hat schon viel gewonnen. Hat ein realistisches Selbstbild, ein vernünftiges Ziel und wird alles (moralisch Integre) daran setzen, es zu erreichen. Ein Vorbild kann nicht schaden- solange man respektieren kann, dass dieser Mensch womöglich völlig andere Grundvoraussetzungen hatte als man selbst. Ich kann auch nur jeden Tag mit dem mein Bestes geben, das mir bei der Geburt geschenkt wurde.

Job, Macht, Geld.

Es ist egal, in welcher Branche Du arbeitest. Ob Du viel oder wenig verdienst, oder zuhause bei den Kindern bist. Die Hauptsache: am Ende des Tages stolz auf sein Tagwerk zu sein. Das finde ich so wichtig! Klar, es ist ein verdammt gutes Gefühl, für sich und seine Familie sorgen zu können. Auch wenn es seine Sorgen mit sich bringt ohne Silberlöffel im Mündchen geboren worden zu sein (die oft harte Jobsuche, weniger Zeit mit den Lieben daheim, Leistungsdruck, mögliche Probleme in der Firma), so birgt dieses Leben auch seine eigenen, ganz wunderbaren Vorzüge. Wie eben den Stolz auf das Erreichte. Sich stets weiterzuentwickeln und sein Bestes zu geben- ohne ständig nach den anderen zu schauen. Du wirst nicht jeden Erfolg nachvollziehen können, und es kann die Gedanken schrecklich trüben zu fragen „Wieso sie/er und nicht ich?“ Sicherlich ist es eine schwere Hürde, Neid in Ansporn zu verwandeln. Und man kann sich unmöglich mit jedem freuen, wir sind keine Gummibärchen im Lalaland! Aber Dein Ding machen und dem eigenen Spiegelbild gern begegnen, das kannst Du jeden Tag. Ich habe mir in meiner Zeit als Vollzeit-Mama oft abends notiert, was ich am Tag alles geschafft hatte- und die Liste ist als Vollzeit-Sekretärin -und „Nachmittags-Mama“ nicht länger geworden. Beides sind Tagespläne, die Deine gesamte Wach-Phase einnehmen. Und beides verdient Respekt, das kann ich nicht genug betonen.

Und auch folgendes sei erwähnt, schließlich ist diese Zeit für mich noch nicht lang her: Als alleinerziehendes Elternteil, das gezwungen sein kann sich für eine gewisse Zeit ans Amt zu wenden, kannst Du ebenfalls absolut stolz auf Dich sein. Ganz sicher hat es Dich, genau wie mich damals, Überwindung gekostet dorthin zu gehen. Ganz sicher ist es nicht immer leicht, mit dem Geld auszukommen und oft fühlt man sich einsam, überfordert und unglücklich. Aber Du tust alles in deiner Macht stehende, um Deinem Kind ein sorgloses Leben zu ermöglichen. Du bist für Deinen Schatz da, und arbeitest zuhause ebenso hart wie viele Menschen im Berufsleben. Du verdienst Respekt, denn Du tust alles für Dein Kind was Du kannst.

Aussehen.

Klar sind Gesicht und Körperform Veranlagung. Ebenso wie Haarfarbe und –wuchs, Größe, Hautfarbe. Alles andere hast DU in der Hand (natürlich gesetzt der Fall, du bist rundum gesund! Das Schicksal ist leider unberechenbar).

Du bestimmst, Ob Du dich gesund ernährst oder mit Junkfood, ob Du Sport treibst oder auf der Couch herumhängst. Kein attraktiver Mensch der Welt sieht ohne eigenes Zutun so aus. Selbst wer einen beneidenswerten Stoffwechsel hat, muss Körperpflege/Sport betreiben um straff und adrett auszusehen. Ein gepflegtes Äußeres IST Arbeit. Es erfordert Zeit, Mühe und Wissen, sich in Schuss zu halten. Von nichts kommt eben nichts. Gerade bei diesem sensiblen Thema finde ich es wichtig, sich so wenig wie möglich mit anderen zu vergleichen. Wer täglich sein Bestes gibt gesund zu essen und in Bewegung zu kommen, hat dem eigenen Körper bereits viel Wertschätzung entgegengebracht. Das machst Du für Dich allein! Es geht nicht darum, einem Ideal zu entsprechen oder auszusehen wie Person XY. Sondern darum, mir und meinem Stil treu zu bleiben- ohne jemand anders sein zu wollen. Ja, das ist Arbeit- aber wie stolz bist Du auf deine Leistung (und deinen Körper!) nach einigen Wochen konsequenten Trainings? Wieder etwas, das nur Du allein für dich selbst tun kannst. Und das Ergebnis macht einen verdammt stolz! Ich möchte damit nicht sagen, dass jeder Mensch ein trainiertes, gebräuntes Püppchen sein muss. Aber meine Meinung ist: gesund und gepflegt zu sein ist Teil einer guten Lebensqualität.

Hab& Gut.

Ich kann es nur wiederholen: Gegenstände bedeuten nichts. Dein Nachbar mit dem fetten Auto und dem großen Haus ist nicht zwangsläufig ein besserer Mensch. Ich verstehe sehr gut, dass man sich mit Statussymbolen belohnt, weil sie Meilensteine in der Geschichte Deiner Hände Arbeit bedeuten. Oder weil man sie dir schenkt um Dich wertzuschätzen. Auch mir ist ein schönes Zuhause wichtig, und auch ich weiß mein Auto, die Qualität meiner Taschen, Mäntel und Schuhe zu schätzen. Aber nicht, weil ich mich darüber definiere. Mein Leben ist ohne Louis-Vuitton-Sammlung nicht verwirkt, und ich brauche den schicken Range Rover nicht zum Glücklichsein, auch wenn er mir schon immer gefallen hat (mein Ziel ist ohnehin schon länger eine richtige Muttikutsche, aka Pampersbomber oder auch Minivan. Mega-Cool.)

Ich habe dafür: eine saubere, helle, gemütliche Wohnung die ich mir leisten kann. Wenig, aber gute Kleidung für mich und Nikolai. Funktionale (sprich, abwaschbare!) Möbel, einen Fernseher und ein sehr zuverlässiges, altes Auto. Ich finde es SCHÖN noch Ziele in meinem recht jungen Leben zu haben. Ich wünsche mir immer noch den Garten, möchte mir nach dem Ableben meines Mini auch wieder ein Auto leisten können. Mir irgendwann keine Gedanken mehr machen müssen, ob ich im nächsten Monat des TÜV zahlen UND neue Schuhe für den Winter kaufen kann. All das können S und ich im Team und mit Fleiß erreichen.

Aber wir wissen auch: Die Hauptsache IST das Team. Unsere kleine Familie, dass wir gesund, satt und zufrieden sind. Gegenstände werden einen unzufriedenen Menschen nicht glücklicher machen.

Kinder.

Ganz kurz und knapp: Vergleiche niemals Dein Kind mit anderen. Dein Kind ist ein wunderbarer, reiner kleiner Mensch, das sich auf deine Liebe und deine Führung blind verlässt. Es ist vollkommen schnuppe, ob Nachbars Spross früher aufs Töpfchen geht/plappert/läuft/durchschläft/liest…. SCHNUPPE! Ich gebe jeden Tag mein Bestes für meinen Nikolai. Und auch ich bin mal genervt, lustlos, abgespannt, genau wie er. Das sind Tage, an denen ich ihm vielleicht keine neuen Wörter beibringe, und wir keine große Runde auf dem Fahrrad drehen um die Welt zu entdecken. Wir sind auch nur Menschen.

Aber: ich gebe mein Bestes, sein kleines Händchen zu halten und ihn auf den richtigen Wegen durchs Leben und Heranwachsen zu begleiten. Ich kann ihm vorlesen, Wörter beibringen, Dinge zeigen, Erfahrungen sammeln, ihn gesund ernähren/anziehen, in eine anständige Kita/Schule/Uni stecken und Werte vermitteln. Was mein Kind daraus macht- wann, und ob er überhaupt etwas von meinen Bemühungen mitnimmt!- ist allein Nikolais Entscheidung. Hauptsache, wir haben unser Bestes gegeben.

Was mich also nachweislich immer wieder glücklich macht (abgesehen von der kleinen Familie) sind Fleiß und Dankbarkeit. Für meinen Nikolai und seinen Werdegang, für mein Guthaben auf der Bank. Für Aussehen, Charakter, Job- und ja, auch für meinen Blog. All das sind Dinge, die ICH auf die Beine gestellt habe. Ohne den Vergleich mit anderen, ohne Neid und Missgunst. So, wie ich es von meinem Papa gelernt habe: mit Fleiß, Zuversicht und Dankbarkeit.

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