Keine Wut mehr.

Vor längerer Zeit kämpften wir zuhause mit Nikolais Wutanfällen. Irgendwann war ich in meinem Alltag derart verunsichert, dass ich Nikolai kaum etwas anreichen konnte ohne seine Wut zu befürchten. Ein Gefühl der Verunsicherung und Ratlosigkeit kroch mir unter die Haut, und das machte mich leise und langsam verrückt. Eine Lösung und Erklärung mussten rasch her! So las ich auf zahlreiche Empfehlungen hin das Buch „Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn“- und war danach so richtig bestärkt. Dass Attachment Parenting auch hier der richtige Weg für mich ist. Dass Nikolai sich nicht anders zu helfen weiß- und wie ich ihm in dieser Phase zur Seite stehen kann. Hier also mein Update, wie uns Verständnis und Geduld durch Tobsuchts-Minuten helfen.

Im Buch werden wichtige Ursachen für Wutanfälle bei Kleinkindern erklärt (die im Übrigen eine ganz normale Phase sind!). Ein Kind von ungefähr zwei Jahren entdeckt und erforscht intensiv seine Umwelt. Es lernt Gegenstände, Plätze, Menschen und Nahrungsmittel kennen und speichert diese in seinem kleinen Köpfchen ab. Bei uns geschahen die Wutanfälle dann, wenn ich Nikolais Anfragen nicht verstand oder seine „Anweisung“ falsch ausführte. Dann warf er sich zu Boden, schlug mit dem Kopf auf und ab, war nicht ansprechbar. Das zehrt an den Nerven, bei Mama und Baby! Auch S war ratlos. Von Dabei-Stehen-Bleiben über Aus-dem-Zimmer-Gehen, nichts funktionierte und nichts holte Niki aus seiner Wut heraus.

Hier der letzte Vorfall und meine Erleuchtung nach Lesen des Buchs (liegt inzwischen ca. 8 bis 10 Wochen zurück): Nikolai reicht mir eine Orange. Er versucht hineinzubeißen und stellt fest, dass die Schale ungenießbar ist. Ich nehme die Frucht, schäle sie und möchte dem Wutz entgegenkommen indem ich das Obst auch gleich zerteile. EXPLOSION. Nikolai heult wütend auf, schmeißt sich auf den Küchenfußboden, brüllt wie am Spieß. Ich knie mich zu ihm herunter und versuche ihn anzusprechen: „Nikolai. NIKOLAI! Beruhige Dich!“ Keine Reaktion. Das Menschlein am Boden ist nicht zu beruhigen, und wütet aufgebracht herum wie ein kleiner Berggorilla. Ich stehe nach fünf Minuten auf und gehe in mein Schlafzimmer, setze mich aufs Bett. Durchatmen. Ich verstehe mein Kind nicht. Wieso tut er das? Was habe ich falsch gemacht?

Kurz darauf sucht mich Nikolai- immer noch brüllend- im Schlafzimmer auf. So, als wolle er sagen: „Memi! Wir sind noch nicht fertig miteinander!“ Letztendlich nehme ich den kleinen Kerl auf den Arm und warte, bis er sich beruhigt hat. Beinahe ängstlich reiche ich ihm dann die Orange, die er nun nicht mehr will.

Was habe ich also falsch gemacht? Ich habe die Orange zerteilt. So steht’s im Buch, und die Erklärung ist (mir) einleuchtend: Das Kind kennt eine Banane/Orange/einen Keks etc. nur als GANZES. Es erwartet also, dieses Nahrungsmittel so essen zu dürfen wie es im Bilderbuch auch aussieht. Wenn Mami oder Papi es nun gut meinen und das Essen in mundgerechte Stücke teilen, machen sie in Augen des Sprösslings nur dessen Leckerchen kaputt. Die Folge sind Wut, Frustration, Unverständnis. Und hier eine weitere wichtige Lektion: Ein kleines Kind kann rein biologisch noch nicht mit diesen Gefühlen umgehen. Wir Erwachsenen haben gelernt solche Emotionen zu handhaben, ohne gleich das Bonbonglas nach dem Kollegen zu schmeißen. Aber unser Wutz ist zu klein, sein Gehirn ist noch nicht so weit entwickelt. In einer Situation die das Kind enttäuscht oder aufregt, schaltet sich die rationale linke Gehirnhälfte einfach ab, und nur die rechte Seite funktioniert. Der Minimensch wird von seinen Gefühlen buchstäblich übermannt, und drückt diese in Form von Körpersprache aus. Dass wir Nikolai auch nicht ansprechen konnten, rührt ebenfalls von der Arbeitsweise des jungen Gehirns: Sie können uns dann tatsächlich in dem Moment nicht verstehen.

Was kann man als Eltern also machen? Ich habe für mich zwei Veränderungen aus dem Buch mitgenommen.

a)  Die Tobsucht vermeiden indem ich Nikolai alles, was wir tun, genau erkläre. Indem ich maximal auf ihn eingehe und versuche, ihn so genau wie möglich zu verstehen.

b) Falls es zu einem Wutanfall kommt: angemessen reagieren. Bei uns funktioniert das so: Nikolai schreit, weil er zum Beispiel enttäuscht ist, dass wir nach Hause gehen müssen. Dann nehme ich ihn in den Arm und TRÖSTE ihn. Manch einer ist womöglich versucht, streng zu sein und dem Kind einzutrichtern, dass es so abläuft weil Mama das will. Dass der Krümel gehorchen muss, wenn der Kuchen redet. Ich sehe das nicht so. Ich zeige Niki, dass ich seine ENttäuschung verstehe. Verstehe, dass es blöd ist den Spielplatz zu verlassen/keine Enten zu gucken/keinen Keks mehr zu bekommen. Aber er beruhigt sich viel schneller, wenn ich ihn in den Arm nehme und tröste, anstatt zu schimpfen. Klar muss man auch schon mal ein brüllendes Baby in den Buggy schnallen, das sich windet und einen ins Schwitzen bringt. Klar sieht Niki das nicht immer gleich alles ein. Aber ich gebe ihm die Gelegenheit, seinen Frust abzubauen indem er sich ausweint. Irgendwann kann er das anders verarbeiten.

Aber bis es soweit ist, lassen wir unser Kind auch in solchen Momenten nicht allein. Sondern zeigen ihm, dass Mama und Papa da sind und ihn verstehen. Im Übrigen hatten wir keinen einzigen Ausfall à la Orange mehr, seitdem ich so viel mit Nikolai kommuniziere. Ich habe schon als Säugling viel mit dem Wutz gesprochen. Aber dadurch, dass er bis vor kurzem noch nicht „artikuliert“ geredet hat, habe ich zum Beispiel auf dem Spielplatz nicht gesagt: „Wir müssen jetzt gehen, weil […]“ oder „Du bekommst Bauchweh, wenn Du mehr Kekse isst. Deshalb gibt Mama Dir lieber eine Kartoffel.“ Egal, was er beobachtet oder woran mein Sohn teilnimmt, ich erkläre ihm jetzt alles. Und ich zerteile kein Essen mehr. Toastscheiben, Kekse, Obst- er bekommt es in Gänze, oder ich stückele sein Huhn mit Kartoffel schon vor dem Abendessen. Dann sieht er nicht dabei zu, wie ich das Essen „kaputt“ mache.

Für weitere Einblicke und individuelle Lehren kann auch ich das Buch nur weiterempfehlen. Ich komme sehr gut mit der Attachment Parenting Methode zurecht (maximal auf die Bedürfnisse seines Kindes einzugehen, aber ihm dennoch Grenzen aufzuzeigen. Also nicht Anti-Autoritär). Von den Nächten an, in denen ich mein Baby bei mir schlafen und nie schreien ließ, bis hin zu der Wutphase: Ich fühle mich am wohlsten damit Nikolai zu zeigen, dass wir keine übermächtigen, strengen Erziehungsberechtigten darstellen. Sondern, dass S und ich seine Verbündeten und besten Freunde sind.

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