Allein, nicht Einsam 2.0

Als Nikolai geboren wurde, konnte ich mir nur unter Tränen vorstellen ihn eines Tages in die Kita zu schicken. Mein kleines Baby stundenlang nicht zu sehen, etwas zu verpassen. Da habe ich die Trennung nicht vorhergesehen, und die Notwendigkeit eines Jobs (und somit einer Betreuung für mein Kind) zeigte sich Anfang des Jahres. Die vorausgezahlte Miete für unsere Wohnung lief im März aus, und ich hatte die Wahl zwischen Amt und Umzug, oder Ärmel hochkrempeln und in den Bürorock schlüpfen. Meine zahlreichen Bewerbungen wurden belohnt, und Nikolai kurzfristig der Platz in einer Kita gewährt.

Als ich kürzlich nach viereinhalb Monaten Urlaub nehmen musste, weil die ersten drei Sommerferienwochen keine Betreuung stattfindet, wurde ich für vierzehn Tage wieder zur Vollzeit-Mama- und hatte das ein wenig anders in Erinnerung!

Es war wunderschön zu sehen, dass Nikolai diese Zeit mit mir in vollen Zügen genoss. Er nahm meine Hand und zog mich daran zum Sofa um zu schmusen. Wenn ich ihn morgens aus seinem Bettchen geholt hatte, rannte er zu meinem und rief „Fi! Fi!“ (=Fische=Findet Nemo auf dem Fernseher in meinem Kleiderschrank schauen und kuscheln). Nach ungefähr einer Woche hatten wir wieder einen festen Tagesrhythmus gefunden und unternahmen nichts Aufregendes.

Denn auch das sei gesagt: Es hat mich unheimlich gefordert, wieder Tag und Nacht meinen kleinen Chef zufrieden zu stellen. Er kann jetzt viel mehr als vor einem halben Jahr, ist die Gruppe in seiner Kita gewohnt, eine große Auswahl an Spielzeug und freien Zugang zu deren Garten. Natürlich ist das bei uns anders. Ich war am Ende der Woche regelrecht körperlich erschöpft und schlief wie ein Stein. Dann bat mich meine Freundin, bei der Flocke lebt, den Hund in meiner zweiten Ferienwoche auch noch zu nehmen. Natürlich sagte ich Ja, auch wenn mir mein „altes Leben“ gefühlt über den Kopf wuchs und das Wort „Urlaub“ die Situation nicht so ganz treffend beschrieb.

In der zweiten Woche hatte ich auf jeden Fall mit Baby und Pelzbaby viel zu lachen. Die beiden jagten sich durch die Wohnung, wir ließen uns durch die Stadt treiben und machten herrliche Abendspaziergänge. Das tat uns allen gut, kein Zweifel. Die Kehrseite der Hundemedaille: Ich staubsaugte und wischte täglich zwei- bis dreimal die Wohnung- aufgrund von Flockes regem Fellverlust. Nikolai kehrte mit großem Vergnügen ihr Körbchen aus wo immer es gerade platziert war. Schüttete sein Fläschchen übers Sofa, verteilte Essen neben seinem Stühlchen, wischte die Händchen an meiner Bettwäsche ab, fand treffsicher täglich die Klobürste, verweigerte den Mittagsschlaf weil alles zu aufregend war, kletterte auf den Schreibtisch und fand einen tollen Filzstift- kurzum, der ganz normale Mamawahnsinn.

Als ich wieder zu arbeiten begann, hatte sich S die dritte Kita-Ferienwoche frei genommen und beschlossen, Nikolai da auch abends bei sich zu behalten. Der Hund war wieder weg- und ich nach der Arbeit allein zuhaus. Und soll ich euch etwas sagen, auch wenn es schrecklich klingt? Diese Woche war für mich wie Urlaub! Ich liebe mein Baby über alles. Flocke ist ein ganz toller Hund, der nur das Beste verdient. Aber ich habe in der Woche nach ihrer Abreise seit langem mal durchgeatmet. Ich bin keine relaxte Mutter, für die das alles ein Klacks ist und der Alltag einfach läuft. Vom positiven Test an habe ich mein gesamtes Leben nach Nikolais Wohl ausgerichtet, und das hat sich an keinem Tag seither geändert.

Jetzt zum allerersten Mal seit Wutzis Geburt eine Single-Woche zu führen tat mir unbeschreiblich gut. Ja, ich fühle mich rabenmütterlich während ich das schreibe. Sowas sagt man doch nicht als liebende Mama.

Aber wisst ihr, was? Wir sind auch nur Menschen. Und so sehr wir Herdentiere und soziale Wesen sind, so braucht jeder auch mal Zeit für sich. Zum Kräftesammeln, den Kopf frei kriegen, Hobbies nachgehen, einfach mal allein sein.

Ja, ich hab meinen kleinen Sohn sehr vermisst! Täglich nach ihm gefragt, Fotos bekommen, ihn einmal „zu Besuch“ gebeten. Aber ich habe auch mal wieder Dinge für mich getan. Habe tagsüber die Erwachsenengespräche und meine Aufgaben im Büro genossen. Mich nach Feierabend treiben lassen und bin allein durch die Felder Fahrrad gefahren. Habe in Ruhe telefoniert, ohne schlechtes Gewissen und gebrüllte Unterbrechungen. Gebadet, genetflixt, Gesichtsmasken gemacht. Gekocht, trainiert, gegoogelt, geplant. Und mich keine Minute lang einsam gefühlt. Ich legte mich abends ins Bett und dachte „Du musst noch die Hafermilch für Niki in den Flur stellen. Ach nee- der ist ja gar nicht da.“ Es war ungewohnt und befremdlich- aber GUT. Es tat mir wirklich gut.

So ein Alltag ist für viele kinderlose Menschen normal. Vielleicht hassen sie es. Vielleicht können sich einige Menschen schlecht allein unterhalten, suchen verzweifelt nach einem Partner, wünschen sich Kinder. Natürlich ist so eine Woche für mich ein Luxus, ein Urlaub, den ich nur zu schätzen weiß WEIL mein Alltag sonst anders abläuft. Aber ich würde mein Leben um nichts in der Welt tauschen wollen. Mit allen Sorgen, Aufgaben, Anforderungen. Ich liebe es, meinen Wutz in unserem Zuhause zu haben. Liebe sein Baby-Geplapper, die kleinen Trippelfüßchen im Flur. Das Geräusch seines Atems wenn er schläft, oder unser kleines Heim-Kommen-Ritual am Eisfach, an dem er sein „Ei“ einfordert. Ich freue mich total darauf, wieder mit ihm aufzustehen und ihn nachmittags an der Kita abzuholen.

Was Euch der Artikel sagen soll: Ich habe in der Woche allein gemerkt, wie gut das auch tun kann. Mal wieder für sich, bei sich zu sein. Ich weiß, dass viele die Möglichkeit nicht haben weil Geld und/oder Familie/Freunde fehlen, die den Zwerg mal nehmen würde. Oder weil ihr euch nicht für ein paar Stunden von Eurem Schatz lösen wollt. Absolut in Ordnung! Fiel mir in Nikis erstem Lebensjahr auch unglaublich schwer. ABER: Egal wie Euer Alltag aussieht, nehmt Euch bewusst mal Zeit für Euch selbst. Und sei es, wenn die Kinder schlafen gegangen sind. Räumt vorher das Nötigste auf, lasst Euch vorher ein Bad ein oder setzt einen Topf mit Nudelwasser auf den Herd. Und nach Zapfenstreich ist dann Mamazeit. Meine Ideen für Me-Time fasse ich im nächsten Artikel zusammen. Nehmt sie Euch!

 

1 Comment

  1. Sergio sagt:

    Hab gehört das S die meiste Zeot mit der Flocke rausgegangen ist🌚

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