Die Baby-Pubertät.


Nach dem ersten verkuschelten, verstillten Säuglingsjahr beginnt der Nachwuchs, die Umwelt zu entdecken und sich als eigenes Ich wahrzunehmen. Ich nenne das beim Wutz auch die „Baby-Pubertät“. Da möchte ich unterstützen und begleiten, anstatt permanent gegen ihn zu arbeiten und mich als Autoritätsperson zu etablieren.

„Der Nikolai darf ja schon viel bei Dir.“ Oder, bei meiner Familie immer beliebt: „Hat er wieder seinen Willen bekommen.“

Ja. Ich bin eine kleine Hippie-Mama. Nikolai darf und bekommt vieles. Ich gebe auch gern zu, dass ich mich auf Verhandlungen mit dem Stöpsel einlasse. So zum Beispiel im Supermarkt: für meine Begriffe vollkommen verständlich, dass ein kleines Kind sich beim Einkaufen langweilt. Und da finde ich es okay, ihn mit einem Brötchen zu beschäftigen oder ihm schon vor der Kasse einen Keks aus der Packung zu geben- wenn er dafür im Wagen sitzen bleibt. Ich muss mich nicht um jeden Preis durchsetzen. Er ist ein kleines Kind und soll auf Mama und Papa hören, keine Frage. Aber er erforscht auch intensiv seine Umwelt, findet nicht dieselben Dinge spannend wie wir und hat andere Bedürfnisse. Das berücksichtige ich so oft wie nur irgend möglich.

Wenn wir im Park an einer großen Pfütze vorbeikommen, darf er diese auch „erforschen“. Sind wir denn früher nicht alle gern in so einen Wasserfleck gesprungen und haben den Schlamm spritzen lassen? Ich muss mich da nicht „durchsetzen“ weil ich keine Lust aufs Wäschewaschen habe. Er ist eben ein Kind.

Oder wenn er nach der Kita erst einmal seine Ruhe möchte, die Sofakissen abräumt und durch die Wohnung tobt. Ich habe mich oft gewundert, wieso mein Kind nach einem ganzen Tag in der Einrichtung nicht groggy ist. Die Erklärung lieferte „Das gewünschteste Wunschkind […]“: Das Kleinkind unterwirft sich, genau wie wir im Job, viele Stunden lang Regeln, kooperiert, passt sich an. Nicht hauen, bitte teilen, beim Essen sitzen bleiben usw. Da braucht auch der Minimensch „nach Feierabend“ erst einmal ein Päuschen. Das leuchtete mir sofort ein.

Oder die Phase, in der Nikolai sich sofort ausziehen wollte wenn wir zur Haustür hereinkamen. Er zerrte an seinem Pullover und quengelte, bis ich ihn splitterfasernackt entkleidet hatte. Zufrieden sprang er so durch die Wohnung und am allerliebsten in mein Bett. Deckte sich dort zu und kuschelte sich ein. Ich fand das goldig und absolut in Ordnung. Mein Sohn entdeckt seinen Körper. Wie sich eine Decke auf der Haut anfühlt und wie es ist, ohne Windel herumzurennen. Ja, manchmal muss man einen Pipifleck aufwischen wie bei einem Welpen. Aber das tut meinem Feierabend mit ihm keinen Abbruch. (In der Zeit danach wollte er immer die Socken anbehalten. Eines Tages zog ich seine „Tu“ aus und griff nach dem Söckchen. Da begann er zu weinen. Ich dachte kurz nach, was schiefgelaufen sein könnte und kam rasch auf die Socke. „Möchtest du die anbehalten?“, fragte ich und zog das Kleidungsstück wieder glatt. Er strahlte, und lief zufrieden ins Wohnzimmer.)
Klar wäre es ein Problem gewesen, wenn er sich generell nicht anziehen lassen hätte. Aber auch dafür gäbe es dann eine Erklärung.

Es bedarf manchmal eines umfassenderen Verständnisses für die Situation, um Konflikte und Wutanfälle zu vermeiden. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich viele Klippen umschiffen lassen, wenn wir unseren Knirpsen zuhören/sie beobachten.

So gibt es jetzt schon viele Dinge, bei denen mein nicht einmal zweijähriger Sohn regelrecht pedantisch ist. Seien es die Söckchen, oder dass ich mich nicht beim Spielen einmischen darf (Ich soll ab und an etwas festhalten, aber keine eigenen Ideen einbringen). Er möchte allein essen, und sogar für einen Cracker nimmt Nikolai sich eine Schüssel aus dem Schrank. „Ordnung muss sein“, scheint er damit sagen zu wollen.

Die Schlafenszeit ist ein Kompromiss, der von mir ausgeht. Denn auch wenn der Zwerg müde sein mag, heißt das nicht, dass er freiwillig ins Bett marschiert. Da achte ich auf sein Verhalten und lege ihn dann zum Mittagsschlaf/abends hin, wenn der Akku leer ist. Die Zeiten sind fest: gegen 11:30, 12:00 das Nickerchen, und um 20:00/20:30 die Nachtruhe. Ich selbst musste noch bis zum Ende meiner Grundschulzeit um 19:00 ins Bett, Sommer wie Winter. Ohne Lesen oder Kassette! Meine Mutter wollte dann Feierabend haben und kontrollierte vom Küchenfenster aus stets, ob meine Schwester und ich das Licht einschalteten (unser Haus war L-förmig, das ging leider). Wir waren besonders im Sommer um diese Zeit gar nicht müde, und ich las in den warmen Monaten oft noch so lange, bis man die Buchstaben nicht mehr entziffern konnte. So etwas soll Nikolai nicht erleben. Der darf in ein paar Jahren gern so lange lesen, wie er mag (sofern Bücher dann noch annehmbar sind J).

Es gibt natürlich Dinge, bei denen auch mein Wutz seine Grenzen testet: ‚Wie viele Wassereis am Stiel erlaubt Mama mir? – Oh, sie hat grade laut Nein gesagt und bös geschaut. Nimmt sie mir wirklich das Spielzeug weg, wenn ich es nochmal gegen die Kommode knalle? – Muss ich tatsächlich aus der Badewanne raus, wenn ich den vollen Wassereimer auf die Fliesen gieße? – Wieso zum Teufel darf ich nicht mit Nähnadeln und Scheren spielen..?!‘ Etc., etc.

Unsere Kinder haben Respekt. Sie lieben uns. Verzeihen es wenn man schimpft, und sie brauchen Grenzen. Keine Frage. Doch das veraltete Denken, um jeden Preis eine Hierarchie zu erschaffen, kann in meinen Augen bei falscher Anwendung so viel Vertrauen und schöne Momente zerstören. Ich genieße es, zusammen mit meinem kleinen Sohn die Welt und seine Persönlichkeit zu entdecken. Ich höre ihm genau zu. Denn auch, wenn er noch nicht sprechen kann, so kommuniziert er ständig mit uns. Ich erkläre alles, was wir tun und auch, wieso er etwas nicht darf.

Ich möchte gar nicht sagen, dass man seinem Kind nichts verbieten sollte. Wenn man merkt, dass es rein ums Grenzentesten geht oder dass etwas schlichtweg gefährlich ist, liegt es selbstverständlich an uns das zu unterbinden.

Aber wenn das Kind sich oder einen Sachverhalt erforscht, wenn es die Zeit zulässt und man die Geduld aufbringen kann (ich bin auch nur ein Mensch und habe mal einen unruhigen Tag!): Dann bin ich absolut dafür, Kindern auch mal die Führung zu überlassen. Sie entfalten schon so früh ihre eigene Persönlichkeit, die Jahre der kindlichen Sorgenfreiheit sind so kurz. Da möchte ich meinem Sohn- im Rahmen einer guten Erziehung, Manieren sind wichtig!- den Freiraum schaffen, den sein junger und unverdorbener Charakter braucht. Ich glaube, nur so lernen wir den kleinen Menschen richtig kennen, den wir zur Welt gebracht haben.

4 Comments

  1. elli_w sagt:

    Das hast du schön geschrieben! Baby-Pubertät 😂😂👌. Ich finde es auch wahnsinnig spannend, wie man gezwungen wird, eigene (erlernte/übernommene) Muster oder Phrasen zu überdenken. Warum will ich, dass er jetzt „wenigstens was probiert“ oder warum ist jetzt „Ende im Gelände, wir müssen jetzt…“? Ist das wirklich wichtig, müssen wir jetzt echt? Milo darf in den Augen manch anderer viel, was mir aber gar nicht unbedingt so vorkommt. Macht für mich keinen Sinn, ihm zu verbieten, in einer Pfütze zu spielen oder dass er unbedingt Schuhe anhaben soll etc. Natürlich findet das nicht jeder klasse, aber ich freue mich immer sehr, wenn Fremde das mit einem Lächeln quittieren oder mir Mut zusprechen. Letztens hatte ich eine lustige Situation: Milo wollte nicht mehr weiter und legte sich stumm mitten im Einkaufscenter auf den Boden und starrte die Decke an. Gut, hab ich gedacht und – tütenbeladen – gewartet. Die Passanten schauten natürlich leicht irritiert. Ein Opi kam zu mir geschlendert, grinste mich an und meinte lässig „In der Ruhe liegt die Kraft“. Nach bestimmt zehn Minuten – Milo hatte keinen Bock, sich mit mir zu unterhalten oder getragen zu werden – hockte sich ein junges Mädchen zu ihm und die beiden unterhielten sich ein bisschen. Dann half sie ihm hoch, er verabschiedete sich mit einem „tsühüs, danke!“ und flitzte grinsend zu mir. Hätte ich vorher gestresst eingegriffen, hätte das in einem Machtkampf und Unzufriedenheit auf beiden Seiten geendet, und so hatten wir beide sogar noch eine schöne Begegnung :). So etwas macht mir Mut, die Zeit Zeit sein zu lassen, entspannt zu sein und Phrasen a la „So etwas macht ein großer Junge doch nicht“ abprallen zu lassen. Wenn ich merke, mein Akku ist langsam leer, fahren wir oft auch mit einer „Abmachung“ ganz gut – „Milo, ich bin fix und fertig und möchte mich ausruhen. Wir lesen noch eine Seite und dann machen wir das Licht aus, ok?“ „Abtemacht.“ 😄 Ich drücke uns beiden die Daumen, dass uns diese Entspanntheit (Stichwort unruhiger Tag) oft, öfter und gut gelingt :). Liebe Grüße!

    • NikiMami sagt:

      Das hast du genauso gelöst, wie ich es auch getan hätte! Super schön zu lesen, dass es anderen Mamas da ganz ähnlich geht wie mir. Und dass Liebe und Verständnis wichtiger sind als Stress und Autorität!! Wundervoll ❤️

  2. Bianca sagt:

    Ein wirklich schöner Beitrag. Ich sehe viele Dinge ähnlich wie du. Mein Sohn ist 3 und muss natürlich auch auf Mama und Papa hören, Bitte und Danke sagen und darf sich ansonsten innerhalb fester Grenzen frei bewegen. Wenn er morgens ein anderes Shirt anziehen will, bitteschön. Wenn er im Supermarkt eine Banane und dann ein Brötchen möchte, dann darf er das auch.
    Mein Sohn braucht nach der Kita übrigens auch genauso eine Pause wie deiner – auch vorzugsweise in Mamas Bett 🙂
    Viele liebe Grüße Bianca
    http://ladyandmum.blogspot.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.