Only Eat Apples, Darling.

-GASTBEITRAG von Sophia-

Da stand ich nun mit meinen 20 Jahren, allein in meiner Modelagentur in Athen. Meine Würde am Boden, oder eher im Keller. Ungläubig schaute ich meinen Agenten an, er meinte es ernst.
„Okay“ sagte ich leise und dachte mir im gleichen Moment: „Fuck you, du fetter Sack. Einen Scheiss werde ich tun.“
Ein Tiefpunkt in meiner so genannten „Modelkarierre“. Einer von so vielen.
In den 4 Jahren kamen einige kluge Sätze zusammen: „Deine Hüften sind zu breit!“ (Kein Problem, dann lasse ich mir die Hüfte halt schmaler operieren, nichts leichter als das), „Uiii, du hast aber stramme Schenkel!“ oder auch „Du bist eigentlich schon fast Plussize.“ ( Bei 59 kg auf 1,79 cm verteilt und Größe 36/38).
Dass diese Aussagen nicht gerade das Selbstbewusstsein einer jungen Frau aufmöbeln ist wohl klar, oder?
Zwischen Kalorienzählen und fleißigem Abnehmen, um in die Size Zero des Oscar de la Renta Kleids zu passen, vergaß ich eines- zu leben.
Denn wie trostlos ist ein Dasein, bei dem man sich nicht einmal guten Gewissens eine Pizza genehmigen kann? Für mich war das die Realität.

Eines Tages reichte es mir. Ich wollte ein normales Leben führen, einen Job ausüben in dem auch meine Persönlichkeit zählt. In dem ich mal zeigen kann, was ich drauf habe und mit Würde behandelt werde.
Ich lernte mich selbst zu lieben und Essen zu genieße, ohne Hintergedanken und schlechtes Gewissen.

In meiner Schwangerschaft erreichte diese Selbstliebe paradoxerweise seinen Höhepunkt. Mit 19 Kilo mehr fand ich mich schön wie nie zuvor, denn mein Körper leistete Großartiges. Wie konnte ich ihn da nicht voller Liebe und Stolz betrachten?
Ein Jahr später, 17 Kilo weniger und einige Hautfalten mehr, ist dieses Gefühl nicht verschwunden und wird es auch nie wieder.

Leider gibt es viele, die vielleicht nicht so stark sind. Die nicht das Glück von Menschen in ihrem Leben zu haben, die sie so sehr lieben, dass sich diese Liebe irgendwann auf sie selber projiziert.
Wer übernimmt dafür die Verantwortung?
Die Medien, die uns suggerieren wie eine schöne Frau auszusehen hat?
Die Designer, die offensichtlich kranke Models buchen und ihre Kleider so klein schneidern, dass denen nichts anderes übrig bleibt als sich reinzuhungern?
Die Agenturen und Fotografen, die immer mit schlauen Sprüchen und Ratschlägen à la „Only eat apples“ zur Seite stehen?
Die Eltern, die ihre oft noch minderjährigen Kinder ziehen lassen?
Oder man selber, der einfach zu schwach und dumm ist und den ganzen Mist mitmacht?
Wahrscheinlich eine Mischung aus allem zusammen.
Ich finde es traurig, in welche Richtung sich diese Gesellschaft entwickelt.
Auf Instagram sehe ich die jungen Mädels, die alle gleich aussehen. Mit ihren konturierten Gesichtern, aufgespritzten Lippen und Crop Tops.
Klar, ich sehe mich auch lieber geschminkt als ungeschminkt. Aber wenn ich morgens aufwache, erkennt mich mein Mann immer noch und rennt nicht schreiend davon.
Ich ziehe mich auch gerne schön an und mache Sport, damit mir das Bindegewebe nicht um die Ohren fliegt. Aber der breiten Masse wird etwas anderes vermittelt, nämlich:
Du bist nur schön, wenn deine Nase kleiner ist als deine Lippen und man auf deinem Po ein Tablett abstellen kann.
Das entspricht einfach nicht der Realität.
Wie viele Bilder habe ich von mir, auf denen ich mich nicht mal selber erkenne, weil sie so stark bearbeitet sind, ich professionell geschminkt und gestylt und das Licht einfach nur göttlich vorteilhaft war.
Aber es sind nur Bilder und am Ende des Tages fühlt man sich trotzdem so wie man sich eben fühlt.

Mein Sohn mit seinen 13 Monaten hat mir schon so viel mehr beigebracht als jeder andere in den letzten fast 29 Jahren zuvor. Worum es wirklich im Leben geht, was uns wirklich glücklich macht und erfüllt.
Es ist keine perfekte Zahl auf der Waage, keine optimal sitzende Jeans in Größe 34, nicht der Anblick des ideal geschminkten Gesichts im Spiegel, nicht die Chanel Boy, die uns lässig an der Schulter hängt.
Nichts von alledem bringt einem wahres Glück oder lehrt uns Selbstliebe.
Wir finden dieses Glück nur im Inneren. Indem wir verstehen, was wirklich im Leben zählt. Für mich ist es meine Familie (engste Freunde zählen dazu), die Liebe und unsere Gesundheit.
Auch die reichsten und mächtigsten Menschen mussten auf dem Sterbebett die Erfahrung machen, dass alles Geld und Erfolg ohne Gesundheit nichts wert sind. Dass am Ende nur Familie und Liebe bleibt.
Warum besinnen wir uns nicht mal öfters darauf?

Kürzlich saß ich mit meinem Sohn auf einer Parkbank. Ein älterer Mann setzte sich neben uns und erzählte mir seine bewegte Lebensgeschichte.
Am Ende sagte er: „Wissen Sie, was mein Lebensmotto ist?“
Erwartungsvoll schaute ich ihn an.
„Beginne jeden Tag fröhlich, denn es könnte dein letzter sein oder der beste Tag deines Lebens.“

2 Comments

  1. Marlene sagt:

    Ein toller Beitrag der einem gerade jetzt in der Bikini-Hoch-Saison die Augen öffnet! Denn was bringen einem Sixpack und dünne Schenkel wenn man nicht glücklich ist?!

  2. S from Bordeaux sagt:

    Wirklich schoen geschrieben! Bin auch Mama eines kl Maedchens das 11 Monate ist. Verstehe und teile deine Meinung zu 100%! Schluss mit der Manipulation, wacht auf und lebt Ladies!

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