Mein Minimalismus.

Erinnert ihr Euch noch an Tyler Durden aus dem Film Fight Club? Der „hatte alles“ während er in einem Hamsterrad aus Arbeit, Einsamkeit und Unzufriedenheit gefangen war. Die Idee zum Minimalismus ist (trotz sehr unterschiedlicher Umsetzung) dieselbe: Sich von den Besitztümern zu befreien, die einen selbst besitzen. Für die wir Zeit mit der Familie opfern, in Jobs die viele gar nicht mögen um Dinge zu kaufen die sie nicht brauchen. 

Diese innere Einstellung empfinde ich in einer Industrienation als Herausforderung. Hier definieren wir uns nach außen über Besitz. Was für ein Auto man fährt, in welchem Zuhause man wohnt und was für Kleidung/Urlaub/Schmuck/Ausflüge man sich leisten kann.

Ich bin ganz sicher keine Ausnahme und ebenso ein Produkt der Konsumgesellschaft. Auch mir ist ein schönes Zuhause wichtig (am liebsten mit Garten). Ich nutze ein (überteuertes) iPhone und wie ihr letzte Woche sehen konntet, macht auch mir ein tolles Auto großen Spaß. Nicht zuletzt bin ich immer anständig angezogen. Auch ich erliege also dem Zwang, für das was wir besitzen Vollzeit arbeiten zu gehen und so wertvolle Zeit mit meinem Kind zu verpassen. Das macht mich oft traurig. Aber solange ich uns keine günstigere Wohnung suche und das Auto abschaffe, bleibt mir in der jetzigen Situation keine Wahl.

Das klingt alles nicht minimalistisch! Was also denke ich mir dabei, zu sagen dass wir danach leben? Die Grundlage ist ein bewusstes und reflektiertes Konsumverhalten.

Frage 1
Brauchen wir also den Platz, der uns zuhause umgibt? Studien zufolge nutzen Menschen mit großen Häusern gerade einmal 40% des Wohnraums. Ganze SECHZIG PROZENT stehen also die meiste Zeit leer! Nikolai und ich nutzen tatsächlich jeden Raum täglich mehrfach. Allerdings wären wir nicht unglücklicher mit einem Zimmer weniger. Mein lange erträumtes Häuschen im Grünen wäre also jetzt grade völlig unnötig, selbst wenn wir im Lotto gewinnen würden.

Frage 2

Brauchen wir wirklich alle Klamotten/Spielsachen/Deko-Artikel/Kosmetika im Haus? Ist dieses Paar Riemchenpumps bei Zalando nötig, oder besitze ich noch vergleichbare Schuhe die genauso gut passen? Nikolais Kleidung füllt genau zwei Malm-Kommoden-Schubladen, und damit kommt er prima zurecht. Ich finde die Idee auch gut, Kleidung zu tauschen oder zu leihen. Kinder wachsen in dem Alter noch so schnell heraus, dass sich viele Anschaffungen kaum lohnen. Außerdem werden ihre Klamotten schneller schmutzig oder gehen kaputt, als man „Steiff“ sagen kann. 

Ich selbst habe eine überschaubare, zeitlos klassische Garderobe. Qualität, nicht Quantität. Lieber EINE anständige weiße Bluse als fünf billige, die nach wenigen Wäschen in die Altkleidersammlung wandern. Ich habe einen guten Rucksack und eine schöne Handtasche (Klassiker in Grau und Taupe, passen zu allem). Qualitativ gute Schuhe für uns beide, zu jedem Wetter und Anlass. Genau zwei Röcke fürs Büro (grau und schwarz), sechs Paar Hosen (inklusive Jeans) und dazu einige Oberteile. Egal, was gerade im Trend liegt. Ich mache einfach nicht mehr mit beim ständigen Konsum von billig verarbeiteten und/oder trendigen Klamotten die man nach einer Saison nicht mehr sehen und/oder tragen kann. Nikis und meine guten Pullover, Jacken und Schuhe halten auch zwei, drei Jahre und länger. Und liegen die richtigen Basics einmal im Schrank, wird man auch mit wenig Kleidung nie langweilig im Alltag aussehen. 

Frage 3

Statussymbole. Unzählige Menschen tragen Secondhand- oder gar Fake-Designerware vor sich her, nur um der Umwelt zu suggerieren: „Ich kann es mir leisten.“ Sowas hat mein unreifes, jüngeres Ich leider auch mitgemacht. Während meiner Studenten- und Singlezeit gab es mir ein unglaublich befriedigendes und erhabenes Gefühl, meine Secondhand-Speedy über die Kö zu tragen, den obligatorischen Starbuckskaffee in der Hand und die RayBan auf der Nase. Wozu?, frage ich mich heute. Um Teil dieses bunten, teuer duftenden, gut frisierten Potpourris zu sein, das sich an den glänzenden Schaufenstern vorbeischiebt. Um von den Leuten in den Straßencafés als passendes Puzzleteil, als wohlhabende junge Frau wahrgenommen zu werden. 

Erst in meiner Schwangerschaft, als mich die Frage nach dem Lebensglück meines Kindes beschäftigte, begann ich umzudenken (und meine Vuittontaschen bei eBay zu verkaufen). Es ist weder gesund noch in irgendeiner Form notwendig, sich in eine Gesellschaft einfügen zu wollen, die sich nach ihrer äußeren Erscheinung definiert. Das ist einfach nicht wichtig!

Schon lange nachdem ich verstanden hatte, dass die Faszination für die Reichen&Schönen eine Illusion ist, stolperte ich für einige Monate zufällig in diese Welt. Blickte hinter die Fassade eines „prestigeträchtigen“ (und in Wahrheit tieftraurigen) Mannes. Fuhr in den bewunderten Autos, bekam teure Geschenke, wurde in tolle Lokale ausgeführt. Und je mehr Einblick ich in diese Welt erhielt, desto größer wurden meine Bedenken: Würde ich bei längerem Verweilen in dieser Umgebung oberflächlich, abgehoben und künstlich werden? Würde es Nikolai ein falsches Weltbild vermitteln? Der Mann selbst sagte mir oft, dass er mit all den Dingen die er besitzt nur versucht, eine Leere zu füllen. Go figure!

Frage 4

Viele Eltern wollen wissen,  wie man mit Kindern im Haus den Konsum herunterfahren soll. Nikolai besitzt in seinem Alter noch keinen eigenen Kaufwillen. Doch ich sehe natürlich die Gefahren: Gruppenzwang, clevere Werbung und gefürchtete Einkaufstouren im Supermarkt, mit unzufrieden brüllendem Kind im Schlepptau. Als Resultat Berge von billigem, ungenutztem Spielzeug und im Endeffekt volle Mülltonnen. 

Ich denke, vieles davon lässt sich von uns Eltern vermeiden. Ich möchte Nikolai so früh wie möglich vermitteln, dass er auch ohne eigenes Smartphone kein uncooler Grundschüler ist. Wir schauen kein Free TV, nur Netflix. Das vermeidet gleich die Unmengen an Werbespots für scheußliche Computerspiele, ungesundes Essen und unnötige Actionfiguren. Und da ich selbst nie shoppen gehe, hängt auch kein wütender kleiner Mr N im Kaufhof an meinem Rockzipfel, weil er ein tolles unnötiges Spielzeug entdeckt hat.

Ich WEIß dass sich nicht alles vermeiden lässt, und auch wir bei einigen Dingen dem Gruppenzwang erliegen werden. Leider besitzen Kinder heutzutage immer früher ein eigenes Handy. Und Nikolai soll nicht ausgeschlossen werden, weil ich dem Konsumzwang entsagen will. Ist ein Film/eine Sportmannschaft/Marke im Trend, möchte ich natürlich auch meinem Sohn erlauben, einen Fanartikel zu kaufen. Aber ich möchte ihm das Bewusstsein beibringen, dass er, genau wie seine Freunde, unabhängig von solchen Gegenständen ein toller Mensch ist. Ob als Kind oder als Erwachsener.

Frage 5

Der letzte Punkt ist das Essen. Während es mir nicht schwerfällt mich von Fußgängerzonen und Einkaufszentren fernzuhalten, zieht es mich wie magisch in Supermärkte. Ich liebe Essen, Kochen und die Planung einer schönen Mahlzeit. Könnte hunderte von Euro bei Rewe, Aldi, Edeka und Bofrost ausgeben und Stunden dort verbringen. Auch das ist keineswegs zweckmäßig. Abgesehen davon, dass ich ein gewisses Budget einhalten muss, mag ich keine Verschwendung. So oft habe ich früher halbvolle Packungen Quark/Aufschnitt/Jogurt weggeworfen, weil einfach zu viel im Kühlschrank war. Oder weil ich aus einer Laune heraus eingekauft und später keine Lust mehr auf den Jogurt hatte. 

Also führe ich nun eine Liste. Ich behalte den Überblick über frische, trockene sowie tiefgekühlte Vorräte und stelle Gerichte zusammen, die man damit kochen kann. Fehlt etwas (wie Nikolais Hafermilch, Rohkost oder Badartikel) schreibe ich es auf einen Zettel. Und nur das, was darauf steht, wird gekauft. Ich fahre nicht mehr aus Spaß oder Gelüsten heraus in den Supermarkt. Das spart Geld und vermeidet Verschwendung. 

Unser kleiner, geliebter Lebensstil setzt sich also zusammen aus Wohlbefinden, Zweckmäßigkeit und Bewusstsein. Ja, ich fühle mich wohler wenn ein Bild an der Wand hängt. Auch der Sessel im Wohnzimmer darf bleiben, obwohl er kaum genutzt wird. Oder der Beistelltisch, ohne den die Wand dahinter nackt aussähe. Und wenn Nikolai mal wirklich Interesse an einem Spielzeug hat, bekommt er es auch. Aber: Alles was wir besitzen wird benutzt. Liegt ein Gegenstand nur noch herum, kommt er weg (Je nach Zustand: Spende, eBay oder Müll). Und bevor ich etwas kaufe, überlege ich genau, ob es nötig ist. Das schont Portmonee, Psyche und nicht zuletzt die Umwelt!

1 Comment

  1. Romy sagt:

    Ein toller Artikel der „mal wieder“ zum nachdenken anregt. Wir ziehen in 2 Wochen um, unsere Möbel und alle anderen Gegenstände – auch das Spielzeug meiner Tochter – sind bereits in einem Container auf dem Schiff. Nun leben wir hier seit 2 Wochen sehr minimalistisch und weißt du was? Ich habe noch nicht einen Tag etwas vermisst. Geschweigedenn meiner Tochter ist aufgefallen, dass etwas fehlt. Bis auf ihr Puppenwagen. Der wird schmerzlich vermisst.
    Ich werde in Zukunft auch wieder vermehrt darauf acht geben, nicht einfach wahllos zu kaufen. Ohne viel Klimbim fühle ich mich wohl und befreit! Danke für deine tollen Beiträge.
    Liebe Grüße, Romy

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