Glückskinder.

Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied, sagt ein altes Sprichwort. Die einen finden es mit Glück, die anderen durch Fleiß. Und wieder andere, so wie ich, gelangen durch beides dorthin. Der fleißigste Mensch der Welt kann ein wenig Glück vertragen, um seine Ziele zu erreichen. Ich stehe an der Schwelle einer Tür, deren Schlüssel ich durch beides erlangt habe.

Wenn ich an mich selbst vor einem Jahr denke, kann ich den Unterschied kaum glauben. Gefangen in meiner Depression, verließ ich wochenlang nicht das Haus. Kümmerte mich nur um meinen Säugling und gab mich selbst vollkommen auf. Meine Träume, Pläne und Hoffnungen. Dass die Situation stagnierte, lag an mir selbst. Aber ich fühlte mich schwach, traurig und ausgelaugt, und hätte nicht die Zuversicht gehabt, bei gravierenden Veränderungen auf mich selbst zu setzen.

Wenn du nichts änderst, dann ändert sich nichts!

Aber sich zu einer Entscheidung zu zwingen, führt zumeist ebenso wenig zum gewünschten Erfolg. Das sage ich auch den vielen Menschen, die mich in ihren Nachrichten um Rat ersuchen.

Die Depression überwand ich schließlich durch viel Zeit in der Natur. Indem ich darüber sprach und wieder lernte, mich an Kleinigkeiten zu erfreuen. Dem zahnlosen Lachen meines gesunden Babys. Dem blauen Himmel, zwitschernden Vögeln oder einem leckerem Essen. Natürlich ist mein Weg nicht jedem bestimmt, der an dieser Krankheit leidet. Seien es Termine beim Therapeuten oder auch Medikamente- jeder Mensch hat eine andere Geschichte und Bedürfnisse. Das sage ich ganz klar, weil mein Artikel keine Handlungs-Anweisung sein soll. Er gibt lediglich einen Teil meiner Geschichte wieder.

Ich schaffte es durch meine Form der Selbsttherapie, und das war mein erster wichtiger Schritt zum Glück. Es kostete viel Kraft, Überwindung und Zeit. Aber ich lernte mich selbst auch richtig gut kennen und mit mir umzugehen.

Dann kam der Sommer, und mit ihm die Trennung von S. Wir hatten lange damit gezögert und unendlich viele Diskussionen geführt. Die immer selben Kompromisse geschlossen, nur um vor die immer selbe Mauer zu fahren. Zum Großteil für unseren kleinen Sohn, der eine „komplette“ Familie haben sollte in der er aufwächst. Aber auch ein Stück weit, weil das Loslassen verdammt hart war. Trotz der gravierenden Diskrepanzen zwischen uns fiel es mir wirklich schwer, den Traum von der Reihenhaus-Idylle aufzugeben. Ich hatte Angst vor dem „Alleinsein“. Davor, den Alltag ohne S auf die Reihe zu kriegen. Erst spät begriff ich, dass wir uns einfach nicht gut taten. Uns im Alltag mehr auf die Nerven gingen, als einander den Rücken zu stärken. Gemeinsam einsam waren, keine Nähe verspürten. Dass wir unterschiedliche Vorstellungen vom Leben und nicht zuletzt von einer Beziehung haben, die sich niemals vereinen lassen werden.

Wieso habt ihr dann ein Kind zusammen bekommen?, hat mich einmal eine Freundin gefragt. Weil unser Nikolai eine Weihnachts-Überraschung war, und wir es ungeachtet aller Differenzen schaffen wollten.

Ich finde auch nicht, dass wir gescheitert sind. Wieso? Weil wir getrennt leben? Das war die beste Entscheidung, die wir treffen konnten. Nikolai wird es nicht anders kennen, wenn sein Gedächtnis beginnt einzuspringen. Er wird nicht mit zwei ewig unzufriedenen Elternteilen aufwachsen, die sich nur ihm zuliebe ständig zusammen- oder die Haare raufen.

Entgegen meiner Angst habe ich mich seit dem Tag der Trennung niemals allein gefühlt. Und auch nicht schwach. Dadurch, dass ich mich nicht zu der Entscheidung gezwungen habe, war ich im Moment des Knalls innerlich so gestärkt, dass ich nicht an mir zweifelte. Dieses Gefühl prägt sich immer weiter aus, mit jedem Tag. Ja, es war schwer am Anfang, mit S zu einer Einigung zu kommen. Wer nimmt Nikolai wann? Wie entscheiden wir über Erziehungsfragen? Was ist mit dem Geld? Es gab viele Fragen zu klären, verletzte Gefühle beiseite zu fegen und Dinge zu regeln.

Aber ich war nie allein. Meine Freunde und Familie haben stets ein offenes Ohr, Rat oder Zeit für mich. Nehmen mir Nikolai ab wenn ein wichtiger Termin ansteht, besuchen uns. Meine Freundinnen sind wie eine Schwesternschaft, und wir hatten nicht nur einen Teenie-Girlie-Moment in der letzten Zeit! Das tut einfach verdammt gut. Die gemeinsamen Momente zu genießen, etwas zu unternehmen oder einfach nur bei einem Kaffee auf meinem Badezimmer-Fußboden zu sitzen.

Da die Miete für unsere Wohnung beim Einzug bis März im Voraus bezahlt wurde, war es bisher machbar „über die Runden zu kommen“. Durch ein nüchternes Verhältnis zu S, dem Weihnachtsmarkt und meinem Blog haben wir es gut bis hierher geschafft. Aber natürlich brauchte ich eine Lösung für die Zeit danach, wenn ich selbst für die Miete aufkommen muss. So schrieb ich also in den Weihnachtsferien zahlreiche Bewerbungen an Firmen in unserem Städtchen, meldete mich beim Arbeitsamt. Rannte Kitas und Tagesmütter-Treffs ab, überlegte mir Plan B und C. Da ich „nur“ einen Bachelor Abschluss habe, und das auch „nur“ in Literatur, bewarb ich mich bescheiden um Stellen an der Rezeption. Ohne kaufmännische Ausbildung ist es auch nicht so leicht, eine Stelle im Büro zu finden. Gastronomie und Einzelhandel schloss ich aufgrund der Arbeitszeiten aus; muss ich doch meinen Nikolai am Nachmittag von der Kita abholen.

Dass eine der großen Firmen im Ort mir eine weit höhere Position zum perfekten Zeitpunkt anbot, DAS war Glück, zu dem ich durch meinen Fleiß gekommen bin. Und ja, ich bin stolz darauf. Ebenso wie auf die Kita-Zusage, die beinahe zeitgleich eintraf und genau mit dem Beginn meiner Arbeit zusammen fällt. Ich kann also zu, zweiten Mal die Hilfe des Amts absagen (ich hatte in dieser Woche davon berichtet. Die müssen auch denken, ich bin irre!). Muss keine zwei Wochentage überbrücken an denen die Tagesmutter nicht gekonnt hätte, weil das mit der Kita klappt. Glück, da bist du ja wieder.

Natürlich lebe ich als Mama immer mit Angst im Nacken. Dass Nikolai die Eingewöhnung schwerfallen könnte (die muss S mit ihm machen, da ich dann schon arbeiten werde), er krank wird und ich nicht da bin. Und ganz simpel, dass wir uns sehr vermissen werden. Nikolai und ich haben ein inniges Verhältnis und weinen oft beide beim Abschied. Es wird eine verdammt große Umstellung, sich nur morgens und abends zu sehen, und dann am Wochenende wieder nicht.

Ich habe wirklich größten Respekt vor meinem neuen Alltag. Morgens werde ich uns fertig machen, Brote schmieren und Niki zur Kita bringen. 8 Stunden arbeiten, ihn abholen und dann den Haushalt schmeißen. Allein ein Kleinkind ist eigentlich ein Fulltime-Job. Ein blitzblanker Haushalt ebenfalls. Ich habe gerade erst wieder zu mir selbst gefunden, und wie bereits erwähnt meine Schwesternschaft genossen. Vorbei, vorbei! Zumindest in dieser Form. Konnte ich mir eben noch neben Nikolai die Zeit für tägliches Bodenwischen, das Bügeln meiner Bettwäsche (ja-ha, das ist sooo ein tolles Schlafgefühl..!) oder regelmäßiges Haare-Augenbrauen-Nägel-Sport-Machen nehmen, werden nun all diese „Kleinigkeiten“ aufs Wochenende fallen (oder ich einfach nur ins Bett). In zehn Tagen ist das #momlife, wie ich es kenne, definitiv vorbei. Und da werde ich meine Ansprüche an mich selbst deutlich herunterschrauben müssen (oder mich auf kurze Nächte einstellen). Es wird ein großes Kunststück sein, alles miteinander zu vereinen. Glückliches Baby, guten Job machen, saubere Wohnung und Wäsche, gepflegte Mami. Das hat wirklich weniger mit Glück tun, als vielmehr mit Fleiß und einem starken Willen. Immerhin haben mich diese Eigenschaften bis hierher gebracht. Und mein Zwerg verlässt sich auf mich.

Mir ist bewusst, dass anderen in meiner Lage nicht dieselben glücklichen Fügungen geschehen. Die Menschen die ich treffen durfte, Timing das stimmt, meine Zukunftsaussichten. Ich bin, wie immer, sehr dankbar für diese großen Stücke vom Glück! Ja, ich bin ein Glückskind, ohne Frage.

Aber bin mir auch sicher: wer in seinem Leben unglücklich ist und bewusst etwas ändert, der wird dafür belohnt. Keiner kann sagen, wie viel Zeit wir auf der Erde haben. Und da ist es verdammt nochmal unser gutes Recht, das schönstmögliche daraus zu machen. Ja, es erfordert Mut, Zuversicht und Hilfe. Ob von Familie, Freunden oder auch vom Amt. Es muss niemand in einer unglücklichen, aussichtslosen Situation verharren, weil man Angst vor dem Alleinsein hat. Ich habe mir damals die Zeit gelassen, innere Stärke und Zuversicht zu finden. Als Mami ist man nie allein, und die kleinen Menschen verlassen sich auf unsere Liebe und Führung. Ich möchte Nikolai zeigen, dass das Leben schön ist und ihm die Welt offen steht. Dass er alles schaffen kann, was er sich vornimmt- wenn er bereit ist, alles dafür zu tun. Und auch wenn ich mit S kein Leben mehr teile, so sind wir uns in diesem Punkt definitiv einig.

Wenn ich darüber nachdenke, ist dies meine größte Motivation für glückliches, selbstbestimmtes Leben: das Vorbild für Nikolai zu sein. Aber nicht zuletzt ist man auch als Eltern noch ein Individuum, das es ebenso verdient sich gut zu fühlen. Ob mit dem Traumpartner, im Job oder zuhause mit Baby. Jeder verdient ein Stück vom Glück.

2 Comments

  1. Bianca sagt:

    Ein sehr schöner und ehrlicher Post. Als mein Elternjahr vorbei war, habe ich auch gedacht, wie man den Alltag zwischen Kind, Arbeit und Haushalt unter einen Hut bringen soll. Aber es funktioniert….ich wünsche dir alles Gute für die erste Zeit.
    Viele Grüße Bianca
    http://ladyandmum.blogspot.de

  2. Anne sagt:

    Ich drücke dir die Daumen, dass alles klappt! Ich habe nur einen Hund, und selbst den immer untergebracht zu bekommen, ist manchmal ein echter Akt! Ich wünsche dir viel Glück und gutes Organisationstalent.

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