Working Mom

Ich hatte einen Traum. Vielleicht aus lang vergessenen Zeiten (oder aus Stepford), als die Herren noch Hüte trugen und die Damen Reifröcke. Als ein neues Küchengerät das Höchste der Gefühle und ein blitzblankes Haus eine Errungenschaft war.Schon als Kind, und lange bevor ich schwanger wurde, träumte ich von so einem Leben aus der Waschmittelwerbung. Der Papa geht morgens mit Aktentasche und Lunchtüte aus dem Haus, die Mama sorgt für die Kinder, den englischen Rasen vor dem Haus und erwartet ihren Mann am Abend, adrett zurecht gemacht, mit einem Martini in der Hand und Essen auf dem Tisch. 
Auch wenn man in der heutigen Zeit kaum laut von so einem altmodischen Traum sprechen darf- es war meiner. Natürlich ist die Emanzipation etwas Gutes. Frauen sollen Karriere machen und sich auch ohne Nachwuchs vollständig fühlen dürfen! Keine Frage.
Aber ich habe mich gegen ein Medizinstudium entschieden, weil in mir schon immer diese 60er Jahre Petticoat-Mommy geschlummert hat. Ich habe mir schon beim Barbiespielen gewünscht, eine hübsche und zufriedene Vorstadtmami zu werden. Das hat mir im Übrigen niemand vorgelebt. Meine Mutter war eine Weltenbummlerin, die zwar für ihre beiden Kinder alles getan, sich aber nie welche gewünscht hat. Geschweige denn, eine spießige Hausfrau in einer Vorstadt zu werden. 
Als S während meiner Schwangerschaft den Job im Immobilienbüro annahm und ich meinen Alltag zuhause immer besser organisierte, schien der Traum wahr zu werden. Ja, mir war bewusst dass unsere Beziehung nicht leicht und viel Arbeit war. Aber ich blieb stets optimistisch und vor allem gewillt, das Persil-Leben für unseren Nikolai aufzubauen. 
Leider hat mein Leben wenig von diesen Werbe-Welten. Während Freundinnen mit ihren Männern in Häuser ziehen, sich verloben, in der Uni glänzen oder Beamtenlaufbahnen einschlagen, beginnen wir- als einzige junge Eltern im Freundeskreis- irgendwie neu. S hat den Job gekündigt, wohnt nicht mehr bei uns und geht wieder zur Uni.
Ja, wir verstehen uns jetzt viel besser und das ist gut. Und Nein, ich darf mich nicht beschweren. Wie ich bereits früher sagte, haben wir ein Dach über dem Kopf, Rückhalt von den Menschen um uns herum und Essen auf dem Tisch. 
Aber jetzt, wo ich zum ersten Mal seit der Schwangerschaft wieder arbeiten gehe, schwebt die Seifenblase, aus der mein Waschmitteltraum besteht, in weite Ferne. Ich bin unendlich dankbar für die Chance, auf dem Weihnachtsmarkt arbeiten und die Sozialhilfe absagen zu können. Und noch mehr für die Perspektive, ab Februar eine langfristig angelegte Tätigkeit in einem Büro anzutreten. Noch einmal ganz deutlich: ich bin sehr dankbar für diese Möglichkeiten, und somit für Nikolai und mich sorgen zu können.
Aber was ich zum Ende diesen Jahres wirklich loslassen muss- zumindest erst einmal- ist mein altmodischer Traum. 
Ohne groß darüber nachzudenken, habe ich auf dem Markt zu- und dem Amt abgesagt. Dass das auch bedeutet, nur von morgens bis 14.00 Zeit mit meinem Kind zu verbringen (im Gegensatz zu vorher, 24 Stunden) hatte ich weniger bedacht. Darf ich auch gar nicht, denn Rechnungen und Essen wollen bezahlt werden. 
Es bleibt das Gefühl, nun an keinem Ende mehr 100% da zu sein. Meine Arbeit mache ich gut und sehr zufriedenstellend, aber oft bin ich traurig, wenn mir Nikolai in den Sinn kommt der nach Mama fragt. Ich sehe ihn weit weniger, und abends erst, wenn er bereits schläft. Nachts ruft er nach mir, und prüft bis zu meiner Abfahrt am Mittag jedes Zimmer, ob ich noch da bin. Ich kann sehr schlecht weinen, aber dies treibt sogar mir Tränen in die Augen. Im Haushalt bleiben Dinge liegen, was mir widerstrebt. Papierkram/ Telefonate/ Wäsche muss ich erledigen während Nikolai ungeduldig mir nur schimpft. Ich würde so gern nur mit ihm spielen und kuscheln, wenn ich mal daheim bin. Aber der Alltag geht weiter und den muss ich im Griff haben. Noch schlimmer als N während dieser Tätigkeiten links liegen zu lassen ist es, wenn wir in der Zeit streiten. Leider interessiert er sich vor allem für Shampoo-Flaschen, mein Make-up, Putzmittel, Flockes Näpfe und die Mülleimer. Ausleeren, verteilen, in den Mund stecken. Und er scheint entweder nie aus dem Ärger zu lernen den diese „Aktivitäten“ mit sich bringen, oder (noch schlimmer) es ist ihm total schnuppe dass ich nicht die halbe gemeinsame Zeit lang putzen will.
Bleiben wir aber auch an dieser Stelle optimistisch, denn das Leben ist kurz und kann so schön sein! Die Bindung zwischen Nikolai und S ist durch meinen plötzlichen Schritt zurück in die Arbeitswelt viel enger geworden. Das freut mich wirklich. Ich habe S in der Beziehung viel zu wenig zugetraut/auferlegt und andersrum hat er sich stets entspannt zurückgelehnt, weil ich sowieso alles gemacht habe. Es ist toll, dass er Niki jetzt allein Baden, beschäftigen und ins Bett bringen kann.
Wenn ich im Februar eine Vollzeitstelle antrete, wird der Alltag sich abermals für uns ändern. Dann kann ich Nikolai zwar abends in Bett bringen, verpasse aber beinahe den ganzen Tag mit ihm. Nach Feierabend dann daheim noch die Kinder-Pingui-Mami und die strahlende Meister-Proper-Fee zu mimen, wird eine Herausforderung. Und das zusätzlich zu einem Beruf, dessen Inhalte ich bis dahin erst noch komplett erlernen muss. So werde ich also, entgegen jeder meiner Planungen, zu einer Working Mum. Einerseits finde ich das cool: schöne Kleidung, Kontakt zu Erwachsenen, ein eigenes und unabhängiges Einkommen. Und meinem Kleinen ein Vorbild sein. Das sind schöne Gefühle und darauf freue ich mich auch.
Es bleiben aber auch Ängste: Wird N die Kita gefallen? Wird er mich vermissen? Was werde ich alles verpassen? 
Wenn ich es so schreibe, klingt es nach Jammern auf hohem Niveau. Nikolai ist ein selbstbewusster Menschenfreund und wird sich bestimmt prächtig im Kindergarten amüsieren. Er wird kleine Freunde finden und ich kann ihm vorleben, dass man mit Fleiß und Disziplin alles schaffen kann. 
Wer weiß also, wie es mit meinem Waschmitteltraum ausgeht! Vielleicht werde ich doch eines Tages die Hausfrau und Mami sein, die mit Föhnwelle an der Eingangstür wartet. Vielleicht auch nicht. Das wichtigste ist mir Nikolais Sorglosigkeit. Die Verwirklichung seiner Träume. Und dafür werde ich alles tun. Ich bin nichts auf den Kopf gefallen, habe tolle Menschen in unserem Leben und wir leben in einem schönen Zuhause, das ich bald ganz allein finanzieren kann. Und das ist doch nun wirklich kein Grund zum Weinen.

3 Comments

  1. Tanja sagt:

    Hi. Natürlich ist das hart, weniger Zeit mit dem kleinen zu verbringen, aber du weißt ja, wofür / für wen Du das alles tust!
    Die Leiterin im Kindergarten blies mein schlechtes Gewissen fast weg, mit nur einem Argument: „Fr. **** es kommt nicht darauf an, wieviel Zeit Sie am Tag mit Ihrem Kind haben, sondern wie sie die Zeit nutzen. !“. Seitdem geht’s mir besser und ich genieße es eine „working mom“ zu sein.
    Du bist ein toller Mensch (wirkt auf jeden Fall über die Social Media so) und du würdest alles für deinen Schatz tun.
    Mach weiter so!

  2. Lisa sagt:

    Meine Liebe,
    Länger schon verfolge ich Euren Weg auf Instagram und auch hier auf Deinem Blog. Ich muss mich Dich jetzt ganz schnell zum Vorbild nehmen denn ich bin gerade ganz schön verzweifelt. Mein Freund hat sich letztes Wochenende nach 3 1/2 Jahren Beziehung plötzlich getrennt. Eigentlich kam es aber nicht so überraschend, denn ich habe ihn mit meiner Art und den ganzen Streitereien vertrieben und er – ein konfliktunfähiger und völlig Harmoniebedürftiger Mensch – hat mich mehrfach gewarnt. Dass wir letztes Jahr unser Baby Anfang des 4. Monats verloren haben und er die Liebe meines Lebens war, lässt mich gerade auf einem riesigen Scherbenhaufen stehen, den ich einfach nicht in der Lage bin zusammenzufegen. Wir wohnen zusammen und nächste Woche ist mein 31.-ter Geburtstag, von Weihnachten ganz zu schweigen, ich fühle mich so leer. Auch ich habe ein gutes soziales Netzwerk um mich herum, tolle Freunde und Familie. Dennoch scheint all dies gerade nicht zu helfen und ich stürze weiter ins Bodenlose. Es tut mir leid, dies nun hier ausgebreitet zu haben aber im Endeffekt wollte ich dir nur sagen, dass ich gerne etwas von deiner Stärke hätte, mach weiter so und das Leben, welches du dir wünschst, wird sicherlich noch so passieren! Lg von Lisa

  3. Nicole sagt:

    Ich bin mir ziemlich sicher, dass ihr das schafft! Ihr seid beide so starke Persönlichkeiten. Es wird vielleicht am Anfang schwierig werden, aber vielleicht wird auch alles Gut gehen. Mmhh, ich habe vielleicht gut reden, ich bin noch etwas entfernt vom Kindergarten Alltag und wieder arbeiten gehen. Aber von einer Freundin weiß ich, dass es ihr auch so ging. Ihr ging es echt schlecht, weil sie wieder arbeiten gehen muss. Sie hat sich auch fragen gestellt, wie „was verpasse ich“ , werde ich auch noch die Bezugsperson bleiben wenn etwas ist, oder wird es jetzt die Erzieherin sein?? Hören meine Kinder noch auf mich wenn ich mal nein sage oder ich etwas strenger bin? Im Moment läuft alles super und klar es wird auch mal nicht gut laufen, aber das gehört wohl zum Leben dazu. Die sozialen Kontakte, denke ich, sind ganz gut für unsere Schätze. Wir Mamis versuchen unsere Babys auf den Kindergarten vorzubereiten aber wer bereitet uns darauf vor, das sie bald nicht mehr 24 Stunden bei uns sind, keiner 😞 Wir schaffen das schon! Und ich drücke dir so lange die Daumen bis du endlich eine Stepford Mum bist und du deinen Traum leben kannst! ☺️ In diesem Sinne, eine gute Nacht! Lieben Gruß Nicole

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