An der Grenze

Eines ist sicher: selbst die beste, geduldigste und selbstloseste Mutter der Welt wird an dem ein oder anderen Abend aufs Sofa fallen, ausgelaugt und unendlich dankbar, dass der Nachwuchs endlich schläft. Und ich bekenne mich schuldig: Mein Baby fordert mich zur Zeit wie nie zuvor. Ja, ich stoße an meine Grenzen. Und ja, ich habe ein schlechtes Gewissen deswegen. Mamasein ist doch der schönste Job der Welt! Ich liebe meinen Sohn und könnte ohne ihn nicht leben- wie kann ich mich da über eine Stunde freuen, in der er artig im Bettchen schläft und ich mal NICHTS tun muss? 

Weil ich auch nur ein Mensch bin. Genau wie Du! Es ist natürlich, sich als Mutter vollkommen dem kleinen Spross hinzugeben sobald er auf der Welt ist. Maniküre, Milchkaffees und Ich-Zeit komplett aufzugeben. Alles, um das Baby zu stillen, zu wickeln und für es da zu sein. 

Nach beinahe 15 Monaten völliger Hingabe wird mein Akku langsam schwächer. Ich fühle mich furchtbar, das zuzugeben. Andere schaffen es doch auch, und die haben vielleicht sogar ein Haus statt „nur“ einer Wohnung. Womöglich auch mehrere Kinder und gehen -im wildesten Szenario- nebenher noch arbeiten. Wie zur Hölle machen die das?!

Ich bin bereits mit EINEM Baby, einer Wohnung, meinem kleinen Hund und den üblichen Alltags-Ärgernissen vollkommen ausgelastet. 

Klingt nach Jammern auf hohem Niveau? Mag sein, aber das ist mein derzeitiges Befinden. Nikolai ist ein sehr aufgewecktes, willensstarkes und neugieriges Kind. Ich finde das wunderbar, ehrlich! Das bestätigt mich in meinem Denken, stets auf ihn einzugehen. Dass ich ihn als Säugling nie habe schreien lassen. Ihm gezeigt habe, dass ich immer für ihn da bin, und er gehört wird. Sein Selbstbewusstsein und seine Offenheit anderen Menschen gegenüber belohnen mich dafür. Ich bin unendlich dankbar, dass mein Sohn gesund und sorglos ist, und das hat er auch mir zu verdanken. 

Wieso dann das Gejammer? 

Weil die aktuelle Phase mich eben fordert. Niki ist eifersüchtig, wenn ich mit anderen spreche. Dann schreit er ganz laut, um sich einzuschalten. Er reißt alles aus den Schränken, was nicht niet- und nagelfest ist. Inzwischen kennt mein Baby genau die Bedeutung des Wortes Nein. Aber wenn ich das sage, während er den Klodeckel zum gefühlt 121. Mal hochhebt, breitet sich lediglich ein höchst zufriedenes Grinsen auf dem winzigen Gesicht aus. Fahren wir Auto, brüllt er protestierend und lässt sich auch mit dem zehnten nach hinten gereichten Spielzeug/Fläschchen/Snack nicht bändigen. Habe ich ein Zimmer aufgeräumt (und ihm dabei für zwei Minuten den Rücken gekehrt) hat er bereits den Hundenapf gelehrt/ mein Make-up ausfindig gemacht/ das Sofa mit gefundenem Makeup versaut/ beliebige Gegenstände in der Toilette versenkt (Liste ist zu lang um alle Taten aufzuführen). 

Klar könnte ich jedes Zimmer zusperren, die Toilette abkleben, ihn in einen Laufstall stecken. Aber das finde ich gemein. Nikolai wohnt hier, es ist auch seine Wohnung. Ich finde es ja schön, dass er alles erforschen und verstehen will. Verteilt er meinen Mascara an unseren weißen Türen, ist das MEINE Schuld, MEINE Unachtsamkeit, nicht seine. Füttert er Flocke mit liebevoll gekochtem Essen, schüttet ihren Wassernapf dreimal am Tag aus, drückt Cremetuben auf Teppichen aus- alles MEINE Schuld, keine Frage. Ich darf es mir nicht gestatten, dann von ihm genervt zu sein oder mich angestrengt zu fühlen. Denn ich bin die Erwachsene, die es besser wissen müsste. 

Dennoch bleibt der ständige Zwiespalt zwischen „ihn machen lassen“ und „Grenzen aufzeigen“. Zur Zeit verläuft diese Grenze ganz klar bei Dingen, die gefährlich sind: Putzmittel, Treppen, die Straße, Messer, Scheren, Zerbrechliches, heiße Töpfe und Pfannen. Ich halte ihn konsequent und trotz rigorosem Protest fern von diesen Dingen. Dann weiterzugehen und Gegenstände zu schützen, die MIR vielleicht wichtig sind (DVDs, Bücher, Makeup, Handy, Kleidung) gelingt einfach nicht immer. Und ja, ich bin genervt wenn meine 30€ Wimperntusche aufgedreht, das Bürstchen brutal abgeknickt und der Inhalt im Wohnzimmer verteilt wird. Auch wenn es MEINE Fahrlässigkeit war, ist Nikolais forsches Händchen die treibende Kraft. In solchen Momenten fällt es mir dann manchmal schwer. Das Chaos zu akzeptieren, das ein Kleinkind mit sich bringt. Für meinen inneren Frieden brauche ich eine gewissen Ordnung um mich herum- aber die ist zur Zeit einfach nicht aufrecht zu erhalten. 

Mir zumindest ist es unmöglich, den ganzen Tag lang die Wohnung picobello und gleichzeitig Nikolai seinen Freiraum zu lassen. Zu kochen und parallel mein Baby zu unterhalten. Wäsche zu machen ohne ständig von vorn zu beginnen, weil Mr N den Ständer gleichzeitig abräumt. 

Und oh, die Wutanfälle. Wenn er etwas nicht darf oder auch nicht sofort verstanden wird- dann geht’s rund. Üblicherweise wirft er sich dann bäuchlings auf den Boden, rudert mit den Armen wie ein Schwimmer bei Olympia und brüllt wie wenn Gorilla-Baby. Es war einmal diese Woche so extrem, dass ich eine Auszeit verordnen musste. Nikolai ließ sich durch nichts beruhigen und war gleichzeitig vollkommen unschlüssig, was eigentlich das Problem war. 

Wie geht man mit so einer Phase um? Vor allem dann, wenn man kaum Hilfe hat? Als sensibler (und offenbar nicht allzu belastbarer) Mensch kann ich einfach nur jeden Tag, jeden Moment, nehmen wie er ist. Mir ins Gedächtnis rufen, wie dankbar ich für mein Kind bin und wie prächtig er sich entwickelt. Dass ich nicht die erste und auch nicht die letzte mit diesen Gefühlen bin.

Und was ganz wichtig ist: Man muss sich nicht schuldig fühlen, auch nur ein Stündchen Ich-Zeit herbeizusehnen. Auch wenn Menschen soziale Wesen und Mütter selbstlose Superheldinnen sind: JEDER braucht mal einen Moment für sich. In der niemand anders zählt als man selbst. Das kann ein Schaumbad sein wenn die Kinder schlafen. Ein gutes Buch, ein leckeres Essen oder einfach ein Nickerchen. Es ist okay und sogar wichtig, sich selbst nicht völlig aufzugeben. Und genauso ist es okay, Schwächen zuzugeben. Ja, mein Baby treibt mich manchmal an die Grenze der Überforderung. Ja, an manchen Tagen atme ich schluchzend tief ein, sobald Nikolai friedlich in seinem Bettchen liegt. 

Aber das wichtigste bleibt, dass wir zusammen sind. Egal, wie genau er meine (und seine) Grenzen testen mag. Egal, wie sehr er die Wohnung verwüstet, meine Sachen kaputt macht, mich (aus Trotz und Versehen) beim Wickeln tritt, anschreit und Autofahren beinahe unerträglich macht: mein Sohn ist mein Augenstern. Er meint nichts davon böse, er ist gesund und glücklich. Vor allem wird er in gefühlten fünf Minuten erwachsen sein.

Und dann werden wir gemeinsam darüber lachen, wie er seine Mami schon mit vierzehn Monaten fest im Griff hatte. Ich habe keinen Grund mich zu beschweren. Aber es ist okay, sich mal überfordert zu fühlen. Wir sind alle nur Menschen, und wachsen an unseren Aufgaben. Und mit unseren Kindern.

14 Comments

  1. Julia sagt:

    Du sprichst mir gerade soooo aus der Seele! Mein Sohn ist knapp 15 Monate alt und unser Wohnzimmer sieht immer aus als wenn eine Bombe eingeschlagen hätte.. würde dir hier gern ein Foto hochladen, aber leider geht das nicht… häufig habe ich auch Schwierigkeiten ruhig und „cool“ zu bleiben, weil ich es assi finde, sein Kind anzubrüllen… fällt mir oft nicht so leicht. LG Julia

  2. Anita sagt:

    Same here 🙋🏼 meine Tochter ist 14 Monate alt und macht ständig das was sie nicht soll oder darf. Spielzeug? Uninteressant. Dafür der Müll umso mehr, oder das Katzenklo und so weiter. Leider haben wir momentan auch eine schwierige Phase was das Schlafen betrifft. Bis sie abends schläft ist es, wie heute z.B. Schon mal 23 Uhr. somit bleibt mir selbst abends keine Ich-Zeit. Naja. Wie du siehst, du bist nicht allein. Weder mit einem kleinem Terrorzwerg, noch mit deinen Gedanken. Liebe Grüße

  3. Patrizia sagt:

    Du gibst mir Kraft! Und ich bewundere dich.. Ich liebe deine posts. Sie zeigen mir , ich bin nicht allein und es geht nicht nur mir so💗

    Mach weiter so😙

  4. Simone sagt:

    Ich finde deinen text so herrlich ehrlich und es tut sooo gut, dass es anderen Mamas auch so geht. Meine Tochter ist erst 10 Monate und fängt gerade so ein bisschen an ihre Grenzen zu testen. Das handhabe ich wie du. Es gibt Tage, da schläft sie tagsüber nur eine Stunde, mal zwei, abends aber oft erst um neun bzw zehn Uhr und es dauert, bis sie schläft. Und es gibt Tage, da fehlt mir so sehr die ich-zeit, dass ich ein schlechtes Gewissen habe. Wenn sie dabei ist, schau ich nicht mal schnell in ne Zeitschrift, bin groß am Handy oder mach was für mich. Selbst Haushalt versuch ich möglichst knapp zu halten, wenn ich noch was anders vor hab, damit ich genug zeit zum spielen und kuscheln hab. Ich bewundere dich dafür und du hast meinen vollen Respekt, dass du das alles alleine wuppst. Und ich finde es sehr sympathisch, dass du einfach auch mal sagst, wie es ist. Ich fühle mich auch schlecht, wenn ich mal genervt bin, dass das ins bett bringen mal wieder zwei stunden gedauert hat und das an mit hängen bleibt. Ja, man liebt dieses kleine Wesen abgöttisch aber man darf auch mal sagen, das man an seine Grenzen kommt. Das ist gut so. Ich wünsche dir erdenklich viel Kraft und mach weiter so!!! Liebe Grüße

  5. Anika Grandicelli sagt:

    Sehr schön geschrieben und Danke für deine offenen Worte! Ich komme zur Zeit täglich mit meinem Sohn an die Grenzen und darüber hinaus und es tut so gut zu lesen das man damit nicht allein ist! Ich dachte schon ich würde alles falsch machen 🙈😉 in Sachen Erziehung! Ich liebe es meinem Schatz im Arm zu haben, jedoch brauche ich auch meine Auszeiten,um wieder mit Kraft und Geduld an die Situationen ran zu gehen!

  6. Nicole sagt:

    Liebe Madline! Jetzt komme ich endlich auch mal dazu dir zu schreiben und passend zu deinem Blog verlief mein Tag genauso wie du es beschrieben hast. Und ich schäme mich dafür, dass ich im Moment so schnell aus der Haut fahre. Und du hast so Recht und ich danke dir dafür dass du mir die Augen öffnest. Ja, mein kleiner Schatz ist nur ein Kind, der gerade sehr viel lernen und entdecken will. Ich werde nun versuchen nicht mehr so schnell ‚Nein‘ zu sagen oder genervt zu reagieren wenn er das 10 Mal die Schublade ausräumt oder das Spielzeug überall verteilt oder, oder, oder. Ich muss lernen, das die Wohnung nicht mehr so perfekt aussieht,wie vor seiner Zeit. Und ja, auch ich bin mal froh wenn ich etwas Zeit für mich habe. Es ist immer wieder schön deinen Blog zu lesen, denn ich kann noch etwas von dir lernen. Vielen Dank dafür! Ich finde du bist eine großartige Frau, mit so viel Power, und in deinen jungen Jahren hast du schon einiges hinter dir. Aber du kämpfst und lässt dich nicht unterkriegen. Ich bewundere dich und wünsche dir für die Zukunft, dass du all das erreichen wirst was du dir wünscht. Denn du hast es so sehr verdient! Lieben Gruß Nicole

  7. Anne sagt:

    In manchen Passagen hört es sich so an das der kleine Mann sich alles erlauben kann was nicht gefährlich ist und das schlimme du dir auch noch die Schuld daran gibst und es auch okay findest das er deine Sachen zerstört.

    Ich finde du solltest es unterbinden, Grenzen setzen auch bei Sachen die nicht gefährlich sind. Klar probieren sich die Kinder aus und das ist auch gut so aber man muss klare Grenzen setzen.

    • NikiMami sagt:

      Ja, da hast du recht! Wenn mehr Ruhe einkehrt, muss ich mal einige vernünftige Dinge finden, mit denen ich ihn beschäftigen kann statt später immer zu putzen 🙉😘

  8. kat sagt:

    Mit jetzt 16 monaten schreibst du mir aus der seele.zwar ist hanna meist sehr lieb aber man weiß nie was morgen kommt und ehrlicher weise denke ich grad öfters mal an die zeit ohne kind und ohne partner.
    Glg

  9. Mamivonn sagt:

    Hallo, hast du eine versteckte Kamera bei uns installiert. Es ist haargenau genauso bei uns. Haha. Ich kann dich so gut verstehen! Kannst du viell etwas über eure Kita-eingewöhnung schreiben? Falls die schon stattgefunden hat? Meine Tochter wird nämlich ab Januar eingewöhnt und das wäre super interessant. LG schönen Abend und gute Nacht später…

    • NikiMami sagt:

      Nikolai geht ab Mitte Februar zu einer Tagesmutter. ich werde definitiv noch einen Artikel zum Abenteuer Kita-Tagesmutter-Suche schreiben! 🙂

  10. Connie Schäfer sagt:

    Da muss ich Anne recht geben, N wird größer und nimmt sich immer mehr raus. Wenn du jetzt keine Grenzen setzt wird er es nicht mehr lernen. Er wird ein Terror Zwerg. Lieber jetzt als wenn du später nicht mehr gegen ankommst. Er hat nicht mit deinem Make-up zu spielen, es ist unnötige Arbeit die du hinterher hast. Vielleicht hat er nicht das richtige Spielzeug was in richtig fesselt. Duplo Eisenbahn, Autos, Parkhaus, Puppenküche. Und er muss nicht immer bei dir sein. Alleine spielen ist wichtig. Die Kita wird ihm gut tun, befürchte aber, der Anfang wird schwer. Und begehe nicht den Fehler und lasse hinterher alles durchgehen weil du ein schlechtes Gewissen hast, dass du ihn 8 Std. abgibst. Das brauchst du nicht. Er ist dort sehr gut aufgehoben und unter Kindern was ihm sehr gut tun wird. LG und du schaffst das

  11. Elena sagt:

    Liebe Madline. Ich möchte dir eine Seite ans Herz legen. Die hilft mir sehr, wenn ich an meinen Erziehungsmethoden zweifle, mir Vorwürfe mache oder einfach nicht mehr weiter weiß. Es soll hier keine Werbung werden… Ich weiß nur zu gut wie es dir geht und war froh als ich diese Seite (in einem Moment der Verzweiflung) gefunden hatte. Es hilft einem in DIESEN Momenten wenn der Nachwuchs tobt nicht weiter wenn man seine Wut und Ärger versucht zu unterdrücken… Aber wie geht man damit um… Was tun damit es erst keinen Ärger gibt? Oder wieviel Frust hält mein Kind aus?
    Meine große ist jetzt 5 und sie testet und versucht sich durchzusetzen… und bis heute hilft mir die Seite. Besonders dann wenn man kurz davor ist die Nerven zu verlieren 🙈🙉🙊 vielleicht ist für dich auch was dabei: http://www.rabeneltern.org/index.php/wissenswertes/elternsein-wissenswertes
    Mach weiter so. Du bist toll 💖
    GlG, Elena.

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