Übergänge 

Vor einigen Tagen habe ich mich aufgerafft, meinen Stolz hinuntergeschluckt und bin zum Amt getigert. Nikolai war in S‘ Obhut, sodass ich konzentriert alle Gänge erledigen konnte.

Am Empfang trug ich aufgeregt mein Anliegen vor. Dass Nikolai frühestens im April zur KiTa gehen kann und ich bis dahin mit ihm zuhause bleibe. Die nette Dame an der Rezeption verwies mich in ein Wartezimmer. Entgegen meiner Vorstellung waren nur zwei Plätze besetzt- ich hatte mit einem Raum voller schniefender Gestalten gerechnet. Ja, das ist eben neu für mich, und mein Künstlerhirn geht da manchmal mit mir durch.

„Wird man hier aufgerufen? Oder wie geht das?“, fragte ich eine der anwesenden Frauen.

„Die holen einen ab“, gab diese zurück.

Ich lächelte sie freundlich an.

Nach kurzer Zeit rief mich ein netter Mann auf und geleitete mich in sein Büro, wo noch ein Kollege am Schreibtisch saß. Eben ein ganz normales Büro. Ich trug meinen etwas komplizierten Fall vor. Dass die Wohnung zwar bis März abbezahlt sei, ich aber in Vollzeit für meinen Zwerg da bin. Was, wenn ich für meinen Blog irgendwann ein Kleingewerbe anmelde? Wie überbrücke ich die Zeit, bis Niki zur KiTa gehen und Mama in Teilzeit arbeiten kann?

Die Kollegen mussten das ein oder andere Mal über meine hektische Fragerei grinsen.

„Was mache ich also, bis mein Kleiner in Betreuung ist und ich halbtags arbeiten kann?“

„Dann beantragen Sie Hartz IV“, gab Herr H zurück.

Ich schluckte. 28, gesund und mit akademischem Abschluss. Ich beantrage Hartz IV. Wenn das meine Mutter wüsste- die würde sich ins Fäustchen lachen, dass das Horrorszenario wahr wird, welches sie mir bei der Nachricht über meine Schwangerschaft ausmalte. Ich, einsam in einem Plattenbau mit meinem schreienden Kind.

Das könnte ihr so passen!

Nachdem ich mich für einen Moment mies fühlte- weil ich mich an diesem Punkt meines Lebens stets woanders gesehen habe, und mein Baby sowieso- straffte ich die Schultern. Ließ den bitteren Beigeschmack der Worte nur kurz zu, und nippte dann an meinem Milchkaffee.

Ich bin so viel stärker, als meine Mutter in ihrer Herablassung es je gewesen ist. Ich kämpfe für mein Kind. Habe eine abgeschlossene Ausbildung, und verlasse mich nicht finanziell auf meinen Mann. Klar kann ich nachvollziehen, dass viele unglückliche Paare sich oft „nur“ wegen der Finanzen und der Kinder nicht trennen. Dass sie es lieber aushalten, in ihrem Leben unglücklich zu sein, als das durchzumachen was ich gerade tue. Besuchszeiten vereinbaren, Besitz auseinanderrechnen, auf staatliche Hilfe angewiesen sein (wenn auch nur für kurze Zeit.) Klar ist es bequemer, im gemeinsamen Heim wohnen zu bleiben. Die Kinder jederzeit sehen zu können und keine Gespräche beim Job Center führen zu müssen.

Aber das ist doch irgendwie auch etwas Schönes an Deutschland: dass niemand hungern und frieren muss. Dass es eben solche Überbrückungs-Hilfen gibt. Und wenn ich arbeite, zahle ich meinen Anteil ja auch irgendwo wieder zurück. Der Kreislauf der Gemeinschaft. Jemand braucht Hilfe, die anderen helfen. Und wenn man vom holprigen Weg zurück auf die ruhige Bahn findet, wechselt man die Seiten und hilft anderen, die vorübergehend nicht für ihren Lebensunterhalt aufkommen können.

Es geht immer schlimmer. S und ich haben keinen Streit, keine neuen Partner und er sieht Nikolai mehr denn je. Auch wenn Papi jetzt wieder zur Uni und nicht mehr arbeiten geht, lässt er uns nicht im Stich und steht zu seinem Sohn. Das ist so viel mehr, als Millionen anderer Menschen von ihrer Situation sagen können! Und ja, dafür bin ich dankbar. Wir haben nichts Anderes getan, als uns aus einer unglücklichen Lage zu befreien. In der man ständig darauf wartete, dass der andere endlich die eigenen Erwartungen erfüllt. Dass zumindest eine Diskussion, ein Kompromiss Früchte trägt.

Und da ist es keine Schande, Schritt für Schritt eine neue Basis zu schaffen. Dass da für manche Menschen, seien sie noch so gebildet und gesund, auch mal ein Gang zum Amt nötig wird, lässt sich nicht ändern. Das Leben ist kurz, predige ich immer. Und das stimmt auch.

Ja, ich werde mich ein wenig umstellen müssen. Habe ich vorher im Supermarkt eingekauft, wann und was ich möchte, notiere ich mir nun die Ausgaben im Kalender und werte am Ende des Monats meine Finanzen aus. Ich war noch nie eine Shoppingqueen, aber habe hier und da stets eine fixe Bestellung bei amazon abgeschickt. Windeleimer-Tüten, Ladekabel, Bücher, Filme. Ich habe bisher nie darüber nachgedacht, wie viel Sprit mich wohl die Fahrt zu meiner Freundin kostet, oder ob ich mir meine gute Gesichtscreme leisten kann. Immerhin habe ich auch deshalb neben der Uni in zwei Jobs geackert. Um in Notlagen, für Urlaub, Winterkleidung und Autoreparaturen etwas auf der hohen Kante zu haben. Doch natürlich ist dieses Polster nicht besonders groß. Es waren eben am Ende nur Studentenjobs und keine Manager-Gehälter. Wir nagen nicht am Hungertuch, um Himmels Willen. Aber ich habe mein Konsumverhalten im Oktober akribisch erforscht und gestern Abend ausgewertet. So viel Vernunft muss jetzt eben sein.

Meine größte Schwäche ist nach wie vor das Essen. Ich liebe es, Menüs zu planen und die Zutaten dafür einzukaufen. Gemüse zu vergleichen, Fleischstücke zu prüfen und mit der Fachfrau über das Rezept zu sprechen. Genauso verhält es sich mit Kleidung für Nikolai und mich. Ich bin keine Label-Prinzessin, aber auf Qualität lege ich Wert und möchte eben keine Acryl-Pullover oder Kunstfell-Stiefelchen, in denen seine Minifüße schwitzen. Meine Beauty-Routine ist zwar nicht aufwändig, aber gewisse Dinge haben ebenfalls ihren Preis. Meine Haarverlängerung, die alle vier Wochen höher gesetzt wird. Die besagte Creme, deren Kauf zum Glück nur alle vier Monate anfällt. Oder mein alter, treuer Mini Cooper, der hier und da seine Wehwechen hat.

Ich muss an diesem Punkt genau überlegen, was ein Stück Lebensqualität ausmacht, und an welchem Ende man zum Erhalt derselbigen andere Dinge einspart. Um weiterhin das Auto zu nutzen, gehe ich lieber am Wochenende nicht mehr (oder selten) aus. Um frisch, gesund und kreativ kochen zu können, muss man eben ein paar Preise vergleichen und weniger Kleinkram in den Wagen werfen als bisher (ihr kennt das: man wollte drei Teile kaufen, und kommt bepackt wie ein Maulesel aus dem Supermarkt!). Von der Haarverlängerung muss ich mich wohl bald trennen, weil ich mir diesen Aufwand gerade nicht leisten möchte. Unsere Kleiderschränke müssen nicht prall gefüllt sein, dafür soll es aber an der Qualität nicht scheitern. Ich habe einen blöden, ollen Daunenmantel aus dem Keller gekramt, der eigentlich in die Spende sollte. Und dort mit freudiger Überraschung eine alte Felljacke wiederentdeckt, die mein Papa mir vor zehn Jahren geschenkt hat. Statt also für mich neue Winterkleidung zu kaufen, bin ich diese Saison mal nicht so schick. Und packe dafür mein Wichtelchen ordentlich ein! Er braucht nicht viel, auch kein Spielzeug. Eine gute Jacke, schöne warme Stiefel und zum Spielen Pfanne und Kochlöffel.

Natürlich verliere ich unser Häuschen im Grünen und den Gemüsegarten nicht aus den Augen. Natürlich will ich meinem Sohn die Welt zeigen, und in fünf Jahren nicht rechnen müssen, ob man zuerst das Auto oder die Waschmaschine repariert. Aber das hier ist auch eine lehrreiche Phase, die erdet und an das Wesentliche im Leben erinnert.

Wir sind zusammen, wir sind ein Team. Und deshalb werden wir alles gemeinsam schaffen!

8 Comments

  1. Leas_mama_30 sagt:

    Liebe Madline,

    ich ziehe meinen Hut vor dir, das du so offen und ehrlich über alles sprichst. Du machst Mut nie aufzugeben,egal wie steinig der Weg. Und mir lagen schon so manche Steine im Weg und ich steh mir selbst dazu noch im Weg. Ich drücke dich ganz doll und wünsche dir uns dem kleinen Schatz nur das beste!

  2. Nina sagt:

    Ihr werdet das ganz wunderbar meistern. Ein toller Artikel liebe Madline

  3. Coco Lores sagt:

    Ihr werdet das super wuppen! Den Blick für das Wesentliche, die Bodenhaftung und vielleicht auch ein Stück weit ein „einfacheres“ Leben sollten wir vielleicht sowieso alle etwas mehr üben. Ob die Situation das grade verlangt oder nicht – es schadet sicher nicht, vorallem im Hinblick auf unsere Kinder und was wir ihnen vermitteln wollen.

  4. Trevion sagt:

    The forum is a breghtir place thanks to your posts. Thanks!

  5. Simone sagt:

    Ganz toller Artikel und ich finde es toll, dass du offen darüber sprichst und anderen mut machst. Ich war auch schon auf dem Amt und es ist mir nicht leicht gefallen und ich war so erleichtert, wie nett und hilfsbereit sie dort waren. es kommen bestimmt wieder bessere Zeiten und das wird euch nur stark machen, ihr schafft das!! Die Umstellung ist mir damals erstmals schwer gefallen, aber man lernt damit klar zu kommen und weiß die einfachen Dinge wieder zu schätzen! Alles Gute für euch!!

  6. Mamivonn sagt:

    Total schön geschriebene. Wie Recht du hast! 😍

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