Das Gewissen

Als Eltern ist man nie allein. Nicht nur, dass wir unser Leben fortan mit und für die Mini-Me verbringen. Da gibt es auch ein Teufelchen, das uns im Nacken sitzt und gern ins Ohr flüstert: „Wie kannst Du nur…!

Begleiterscheinung der Elternschaft: das schlechte Gewissen. Ich bin seit jeher Opfer dieses Gemütszustands, denn meine Mutter versäumte keine Gelegenheit, uns daran zu erinnern: „Wie könnt ihr spielen, während ich koche? Ihr solltet mir gefälligst helfen“, „Wenn ich im Garten arbeite, könnt ihr nicht in der Sonne liegen“ oder „Na toll, jetzt habe ich Rückenschmerzen weil ich im Garten gearbeitet habe.“ 

Dieses Lied schleifte sich in mein gesamtes Handeln ein. Sodass ich es heutzutage kaum ertrage, wenn andere etwas „für mich“ tun und ich nicht helfe. Dass jemand für mich kocht, ohne dass ich das Gemüse putze/den Tisch decke/abwasche. Dass jemand mir das Wichtelchen für ein paar Stunden abnimmt, damit ich schreiben kann. Und, und, und. Ich würde am liebsten dafür bezahlen, dass mir jemand hilft, um mein Gewissen zu erleichtern.

Das ist keine gesunde Einstellung, ich weiß. Aber es fällt mir einfach leichter, die Geberin zu sein als die Nehmerin. Ja, dabei bleibe ich das ein oder andere Mal auf der Strecke. So bin ich es sicher auch Schuld, dass mir S so wenig im Haushalt half oder nie für mich gekocht hat. Ich habe ihm zu Beginn der Beziehung stets alle Arbeit abgenommen, um ihn zu verwöhnen. Einkaufen, kochen, putzen, Wäsche… Ich habe es genossen, das Frauchen zu spielen und mich zu kümmern. Statt ihn werben zu lassen, habe ich mich wie ein Rotkehlchen aufgeplustert und das Nest hergerichtet.

Das hat man später davon. Als Nikolai geboren war und ich noch mit den Folgen des Kaiserschnitts zu kämpfen hatte, hinkte ich bereits zwei Wochen nach der Geburt wieder in den Waschkeller. Kochte frisches Essen, kümmerte mich um den Säugling. Ich gab mich selbst monatelang auf. Das lag auch an der Depression und dem grauen Winter draußen. Aber ebenso daran, dass ich alles allein machte und S mir nicht helfen ließ. Er ist ein Mann, dem man genau sagen muss, was man erwartet. Er würde nicht von allein sagen „Lass das liegen, ich mache das“ oder „Heute koche ich“. Aber er würde auch nie meckern, wenn man ihm eine Aufgabe auferlegt. Ich hätte es nur zu sagen brauchen! Hab ich aber nicht. Weil ich verkorkstes Mädel mich so schwer damit tue, Hilfe anzunehmen.

Das Baby versorgte ich ohnehin allein, weil ich das niemand anderem zutraute. Heute weiß ich, dass das typisches Erstlings-Mami-Denken ist. Aber damals war ich sicher, dass S nicht in der Lage sei den kleinen Nikolai in den Schlaf zu wiegen, oder allein mit ihm ein paar Stunden zu verbringen. Ich war also selbst schuld, dass alle Aufgaben daheim auf meinen Schultern lasteten. Hatte ich mir gegenüber ein schlechtes Gewissen, weil ich mich nicht ein bisschen um mein eigenes Wohl sorgte? Nein. Es wäre mir eine viel größere Last gewesen, Aufgaben auf andere abzuwälzen. Hilfe anzunehmen, jemanden etwas für mich tun zu lassen. Dabei habe ich meinem Kind gegenüber die Verantwortung, fit und gesund zu sein. Das weiß ich eben erst jetzt.

Seit der Trennung habe ich vor allem Nikolai gegenüber ein schlechtes Gewissen. War es an den ersten zwei Wochenenden noch aufregend, mal den Abend allein zu verbringen, fällt es mir jetzt schwer, freien Gemüts zu unternehmen was ich möchte. Ich fühle mich meinem Sohn gegenüber schuldig, dass ich mich über acht Stunden Schlaf am Stück freue. Denn ich bin gern für ihn da wenn er aufwacht. Ich halte gern sein Händchen- oder das Fläschchen, und möchte ihn beruhigen können, wenn ein Zähnchen drückt. Ich habe ein schlechtes Gewissen, mich über ein paar freie Stunden am Tag zu freuen. Das finde ich gemein ihm gegenüber, ist er doch mein Sonnenschein, ohne den ich nicht sein könnte.

Ich habe schon früher darüber geschrieben, dass eine entspannte Mami ebenso für sich selbst, als auch für das Baby wichtig ist. Aber zur Zeit fällt mir das schwer. Ja, ich brauche am Tag einige Stunden für mich. Zum Schreiben, Papierkram erledigen, Haushalt führen- und ja, auch mal für eine einsame Joggingrunde oder ein heißes Bad. Das geht alles rascher und leichter, wenn Nikolai bei seinem Papi oder einer Freundin ist. Ich möchte ihm die volle Aufmerksamkeit widmen können, wenn er da ist. Und nicht am Schreibtisch sitzen, während er sich allein beschäftigen muss. Aber das Gefühl der Schuld bleibt. Ich würde am liebsten nur für Nikolai da sein wie früher, als er ein winziger Säugling war.

Das Leben verlangt jedoch Organisation und Disziplin, und es regelt sich nun mal nicht von allein. Am Ende der Woche, wenn Niki die Nächte bei seinem Papi verbringt, bin ich müde von der Woche. Und freue mich dann nach fünf Nächten (mit drei bis sechs Weckrufen), wie ein Bär in seiner Höhle durchschlafen zu können. Tagsüber sehe ich meinen Kleinen dann auch. Wir gehen spazieren und einkaufen, kochen zusammen oder schauen Bilderbücher an. Aber die paar Stunden ohne Nikolai machen mir zu schaffen- oder anders ausgedrückt, dass ich sie genieße, macht mir zu schaffen.

Ich weiß, dass das Jammern auf hohem Niveau ist. Dass viele Mütter mit Männern geschlagen sind, die sich weder in, noch nach der Beziehung um die Kinder scheren. Dass Frauen mehrere Jobs machen müssen, um ihre Kleinen zu ernähren. Was sollen die denn sagen? mag man da rufen. Wie schrecklich muss es ihnen manchmal gehen, wenn sie ihre Kinder in der Kita oder bei einer Tagesmutter abgeben? Weil sie für ihren Lebensunterhalt sorgen müssen.

Ich denke, das Gefühl ist dasselbe. Ein schlechtes Gewissen hat keine Varianten. Man fühlt sich dem kleinen Menschen gegenüber schuldig, mit dem man seine gesamte Zeit verbringen wollen sollte. Man fühlt sich mies, weil jede Sekunde mit ihm oder ihr kostbar ist. Und nicht jede Sekunde ohne den Zwerg.

Wie geht man mit dem Teufel auf der Schulter um? Ich lebe damit. Und sage mir, dass es genauso ungesund wäre, sein Kind tagein, tagaus an sich zu binden. Die Kleinen müssen auch verstehen lernen, dass es andere liebe Menschen gibt, mit denen ein Nachmittag Spaß macht. Nikolai tut es gut, bei seinem Papi zu sein oder von meinen Freundinnen bespaßt zu werden. Und wir Eltern müssen lernen, auch mal die Leine locker zu lassen. Es ist wichtig, den Menschen nicht vollständig auszulöschen, der man vor dem Baby gewesen ist. Ich sage nicht, dass man wieder zur Partyqueen oder zum Bad Boy mutieren soll. Aber es tut gut, einige Stunden zu schlafen. Arbeiten zu erledigen, ohne dass das Kind ungeduldig quengelt. Sich ein wenig zu erholen und auch einen Abend mit Freunden zu verbringen. Wer sich selbst verliert, kann einen kleinen Menschen nicht ins Leben führen.

Da ist ein schlechtes Gewissen doch ein geringer Preis, oder?

4 Comments

  1. Tais sagt:

    Liebe Madline!
    Als ich die ersten Zeilen las, dachte ich: das könnte doch von mir sein. Als ich bis zum Ende durchgelesen habe – weiß ich jetzt dass ich mit meiner Gefühlswelt allein bin.
    Erstaunlich wie nah die Parallelen sind..
    Ich danke Dir für den tollen Artikel und für deine Mut und Stärke, die Du anderen Mamis zeigst und vermittelst; es ist eine wundervolle Mutter und Frau in Dir!
    Immer wieder schön deine Gedanken zu lesen und zu verstehen – man ist nicht allein..

    Irgendwann kommt die Zeit und der klein Nikolai sagt über Dich – mein ganzer Stolz! Meine Mama!

    Herzliche Grüße, Tais ❤️

  2. Tais sagt:

    Edit: mit meiner Gefühlswelt _nicht_ allein bin, natürlich!

  3. Hanna sagt:

    Mann, da hast du bei mir voll ins Schwarze getroffen. Ich konnte mir das bisher nicht so richtig erklären, aber meine Mutter hat fast genau das gleiche getan. Es fällt mir wie schuppen aus den Haaren.
    Vielen Dank!
    (Mein Teufelchen sagt jetzt: „da siehst du mal, welche Verantwortung du als Mutter trägst! So ziemlich jeder wäre besser geeignet als du!“ Ich hoffe, ich kann ihm ein bisschen so begegnen wie du 🙂 )

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