Kalter Kaffee

Ein Morgen mit Kleinkind: man steht nach einer oft schlafarmen Nacht auf, und freut sich auf die heiße Tasse Kaffee. Das Baby hat kurz nach dem Aufstehen gute Laune, und bald duftet Deine Küche nach dem schwarzen Zaubertrank. Während der Winzling in den Flur tapst, ein Stück Frühstücksbrötchen in der Hand, gießt Du dir den Kaffee voller Vorfreude ein, genießt im Stehen den ersten Schluck. Und dann das: Scheppern, Quäken, Schreien. Mini-Me hat etwas umgeworfen/ins Klo gepackt/sich gestoßen/der Hund hat das Brötchen aus dem Händchen geklaut. Die Kaffeetasse schwappt über, während Du sie auf der Küchentheke zurücklässt und zum Nachwuchs sprintest. Bis das Chaos beseitigt ist, fällt Dir natürlich noch einiges ein. Windel wechseln, das Bad zusperren oder gleich die Toilette mit Paketband zukleben, die Pampers auch wegwerfen, die auf dem Wickeltisch liegen blieb. Oh, der Müll könnte auch mal wieder runter. Und wenn ich einmal in den Keller gehe, könnte ich doch auch gleich die Wäsche mitnehmen!

Bis also all die kleinen Besorgungen erledigt sind und du zum Kaffeepfützchen zurückkehren kannst, ist die Tasse kalt wie eine Pampers im Planschbecken. Neuer Versuch, der ähnlich enden wird.

Ja, mit seinem Kind daheim zu bleiben ist ein Fulltime Job, der um 6.00 morgens beginnt und zumeist eine Nachtschicht erfordert. Wer sich letztere mit einem Partner teilen kann, hat Glück. Bei uns sind 20 von 24 Stunden jedoch Mamis Aufgabe. Und mein Morgen beginnt mit Frühsport, denn Nikolai möchte zur Zeit bei fast allem, was ich tue, auf den Arm. Sei es beim Spülen, Kochen oder Schminken um 7.00. Dann schubst er mit aller Kraft mein Bein zur Seite und streckt mir die Ärmchen entgegen: Mami, auf den Arm! Ich bin dann im Zwiespalt: Soll ich ihm seinen Willen lassen? Und wenn nicht, hat er dann das Gefühl, ich will ihn nicht verstehen? Mir ist es wichtig, Nikolais Vertrauen in mich täglich zu bestärken. Deshalb nehme ich ihn in den meisten Fällen auf, wenn ich einen Arm frei habe. Ist ja verständlich, dass er schauen möchte was Mami macht. Leider hat mein Sohn eine Vorliebe dafür, meine Wimperntusche/meinen Lipgloss aufzuschrauben und in seinem Mündchen, an den Wänden und auf dem Boden zu verteilen. Da ich kein Fan dieser  Kunst bin, artet mein morgendliches Schminken oft in kleine Streits mit N aus.

S geht dann morgens (und abends) mit Flocke und Wichtel spazieren, und nimmt Niki auch mal für 2-3 Stunden mit zu sich. Ich kann mir noch so oft vornehmen, in dieser Zeit zu relaxen und platt wie eine Flunder das Sofa zu hüten- es klappt fast nie. Tagsüber schlafen ist nicht mein Ding. Und es gibt immer was zu tun. Die Wäsche muss aus dem Keller geholt und aufgehängt werden. Die trockene vom Vortag gefaltet, das Bad geputzt, Mittagessen gekocht und der Hund um 14.00 ausgeführt werden. In jedem Zimmer der Wohnung wurden Kochlöffel, Spielzeug, Staubsauger, Mamas Makeup und das Bobbycar strategisch platziert, um Mamis Schrittzähler auf Hochtouren zu bringen  griffbereit zu sein.

Kurz bevor S mir den Wichtel zurück bringt, plumpse ich dann manchmal noch aufs Sofa und schalte den Fernseher an, einen Teller mit heißem Mittagessen auf dem Schoß. Zumeist höre ich genau dann den Schlüssel im Schloss, und lautes Krähen an der Eingangstür. Mein Nikolai ist zurück. Und wie fröhlich er strahlt, während er in den Flur wackelt und nach mir sucht. Da geht mir das Herz auf! Bis ich seine Jacke und Schühchen weggelegt und den Papa-Rucksack wieder ausgepackt habe, ist das Wichtelchen meist schon in Richtung Wohnzimmer gezischt. Mist, mein Mittagessen. Das ich auf dem Sofa stehen ließ, weil ich allein war. Ich sprinte hin, und natürlich war Mr N schneller. Er steht mit Flocke an der Couch und greift beherzt in den Reis mit Currysauce. Alles, was aus dem Mündchen purzelt, geht an Flocke. Und ist das ein gelber Fleck auf dem beigen Hocker..? Ich reiße den Teller hoch, und sofort lässt Nikolai sich plärrend auf den Hosenboden fallen. Mami! Das war meiiiin Teller! Erklärungen meinerseits, ihm nun beim Essen helfen zu wollen, werden mit Wutgeheul quittert. Ich atme tief durch und führe ihm einen Löffel Reis ans protestierende Mündchen. Er beginnt, trotzig zu kauen während eine Krokodilsträne die Wange hinunter läuft. Strahlen: Lecker, Mami! Ach Mensch, ich kann ihm nicht böse sein.

Am Nachmittag schläft der Zwerg zur Zeit für eine halbe Stunde. Währenddessen wieder Power Programm: Flockes Fell vom Boden wischen, Reis von Nikolais Mahl aufheben, Kochlöffel, Geschirr vom Mittagessen wegräumen. Auf Zehenspitzen am Schlafzimmer vorbeitrippeln, nur um gegen dasBobbycar zu rempeln einen Tee aufzusetzen. Ich halte inne- nein, das scheppernde Plastikauto hat ihn nicht geweckt. Und gerade, als ich mich fünf Minuten mit einem Buch aufs Sofa gesetzt habe, ruft es Me-Me! aus dem Schlafzimmer. Mein Wichtel meldet sich. Oft ist er dann schlecht gelaunt, da eine halbe Stunde zu wenig Schlaf ist. Aber wie ich hat Nikolai tagsüber Angst, etwas zu verpassen. So nehme ich ihn und Flocke dann oft mit nach draußen, um N von seiner Laune abzulenken. Wieder drinnen, versuche ich einige Bauchübungen auf dem flauschigen Kinderzimmerteppich. Das findet Nikolai klasse, und es ist sein Marschbefehl auf mich drauf zu klettern. Selbst dann bin ich gewillt, zumindest die 15 Wiederholungen zu schaffen. Manchmal klappt es, aber meistens bedeckt mich N mit nassen Babyküssen, klopft übermütig mit den Händchen auf meinen Kopf oder setzt sich gleich auf mein Gesicht. Diese Show ist so süß, dass ich auch da nur über seine Faxen lachen muss. Ein heißes Bad beendet unseren Tag, bei dem Nikolai so richtig entspannt, während Badewasser in leere Shampooflaschen gefüllt wird. Das laute Protestgeheul gegen Windel und Schlafanzug muss ich ignorieren, er kann schlecht nackt schlafen.

Um 20.00 bringe ich Nikolai dann ins Bett. Er kann das Fläschchen selbst halten, aber liebt es, wenn ich das mache. Und ich genieße unser kleines Zubettgehritual ebenso, vor allem seit ich nicht mehr stille. Wir hören Guten Abend, Gute Nacht und meistens schläft er noch während dem Trinken ein. Danach habe ich zwei Stunden für mich, in denen ich mein Essen warm genießen kann. Der Wein dazu ist kalt, und ich schaue eine Serie oder lese ein Buch. Um 22.00 gehe dann auch ich leise, leise ins Bett. Damit ich fit bin, wenn Niki mich ab 23.00 zur Nachtschicht ruft.

Klingt nach einem Tag ohne Pausen? Ist es auch irgendwie. Klar heule ich auch mal ein paar Tränchen. Wenn ich zum 15. Mal denselben Schrank wieder einräumen muss. Wenn N schon wieder die Haarbürste ins Klo getunkt, mich beschimpft, gebissen und mit kleinen Schokohänden das Sofa befleckt hat, dessen Bezug grade erst aus der Wäsche kommt. Wenn ich nach dem Aufstehen vor allem anderen Hundefutter aufwischen muss, das Nikolai im Hundewasser ertränkt hat. Das ist auch nicht schön.

Aber gleichzeitig mache ich mir stets bewusst, dass die Jahre so unglaublich rasch vorbeiziehen, in denen er ein Baby ist. Die Zeit, in der Mama und Papa alles bedeuten. Höchstens zwei Jahre, in denen Babygebrabbel die Wohnung erhellt, statt Diskussionen mit den Eltern zu führen. Große Kinderaugen,  die vertrauensvoll zu mir aufschauen und ein beinahe zahnloses Mündchen, das nasse Küsschen auf mir verteilt. Kleine Hände die nach mir greifen und ein winziges Fingerchen, das herumzeigt Da! Da! Da! Füßchen, die trippeln und Flockes Kissen aus ihrem Körbchen strampeln, damit Nikolai es sich dort bequem machen kann. Diese Zeit wird so schnell vorbei sein wie die Anfangsphase, als er sich weder nach links noch rechts drehen konnte.

Und deshalb atme ich auch an kleinen Tiefpunkten des Tages dreimal durch, und mache mir all das bewusst. Selbst wenn er, wie letzte Woche, mit Wimperntusche-Pfötchen das gesamte Wohnzimmer dekoriert. Er wird in fünf Minuten erwachsen sein, und da will ich jeden Tag mit Mini-Nikolai genossen haben.

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