Mami Lektionen

Während der Schwangerschaft konnte ich es kaum erwarten den kleinen Menschen in meinem Bauch endlich kennenzulernen. Dem Baby ins Gesicht zu schauen und diesen Moment zu erleben: „Ach, du bist das also gewesen. Deine kleinen Füßchen haben wochenlang unter meinen Rippen gesteckt, und dein kleines Ärmchen hat sich ganz gemächlich ein einziges Mal am Tag unter meiner Bauchdecke auf und ab bewegt. Hallo, mein Baby! Ich bin deine Mami.“Gleichzeitig wusste ich die Ruhe vor dem Sturm zu schätzen. Ich habe 9 Jahre lang Kleinkinder unterrichtet, und die zwei Babys meiner Grundschul-Freundin aufwachsen sehen. Ich wusste, dass ein Baby auch harte Arbeit, große Müdigkeit und einen Test für die Beziehung mit sich bringt. Dennoch hätte mich all meine Erfahrung mit „fremden“ Kindern niemals auf das vorbereiten können, was Dein eigenes Baby für Euch bereithält.

Die Geburt deines Baby wird einen komplett neuen Lebensabschnitt einläuten. Allein schon das Ereignis an sich wird Dich über deine Grenzen hinaustragen. Du wirst dich als Frau anders sehen, großen Respekt vor deiner Leistung haben, erleichtert und unendlich stolz auf dein Baby sein. Es ist für dich das schönste, liebste und schlauste von allen anderen Neugeborenen auf der Welt. Mein Nikolai hat direkt am ersten Tag auf der Welt selig gelächelt, und ich bin so glücklich dass genau in dem Moment die Krankenhaus-Fotografin im Raum war.

Für mich bedeuteten Ankunft und die ersten Lebensmonate von Nikolai die beinahe vollständige Selbstaufgabe. Mein Leben bestand aus Stillen, Wickeln, Haushalt und dem allernötigsten an „Ich-Zeit“ wie Duschen oder Zähneputzen (und selbst das fiel mir das ein oder andere Mal erst um 12.00 mittags ein!). Ich hätte niemals erwartet, dass es mich derart vereinnahmen und fordern würde, mein kleines Baby zu versorgen.

Dornröschen Schlaf

Zudem war mir nicht klar, wie tief das Baby sich in den ersten drei Wochen noch im, wie ich es nenne, Dornröschenschlaf befindet. Es macht nichts, wenn die Türklingel schellt! Wenn der Hund bellt, ihr in normaler Lautstärke redet/fernseht/lebt. Im Gegenteil; das Baby ist die ständige Geräuschkulisse aus Mamis Bauch noch gewohnt und es schläft sehr viel. Ich jedoch lief auf Zehenspitzen durch die Wohnung und traute mich nicht, mit Niki allein das Haus zu verlassen- geschweige denn, mich zu verabreden.

Das würde ich beim nächsten Mal anders machen und möchte es jeder Ersti-Mama and Herz legen: Genießt die Ruhe der ersten Wochen.

Es wird nie wieder so leicht sein sich mit Baby ins Café zu setzen. Es wird nie wieder so relaxt sein zu duschen, während der Zwerg im Maxicosi liegt. Ich hätte Niki sogar auf einer Unterlage auf den Boden vor der Dusche legen können, denn da ist noch nichts mit Umdrehen. 

Was würde ich beim nächsten Mal noch besser wissen?

Hilfe ist gut.

Ja, man ist natürlich vernarrt in sein Baby, hat monatelang auf es gewartet und möchte nun 24 Stunden mit dem Winzling verbringen. Meine größte Angst dabei, jemanden auch nur für eine halbe Stunde auf ihn aufpassen zu lassen, war, dass Niki in der Zeit nach mir suchen würde. Ich war panisch, dass mein Baby in der Zeit schreien und Mami rufen könnte- und ich wäre nicht da! 

Diese Angst ist unbegründet. Also nein, natürlich ist das absolut nachvollziehbar, für jede Mami. Aber als ich mich drei Monate nach Nikis Geburt für einen Kinoabend mit S aus dem Haus wagte, war ich die einzige Beteiligte, für die das schlimm war. Ich hatte Nikolai mit selbst geschriebener „Gebrauchsanweisung“ zuhause mit Patentante Maike gelassen, und war dennoch in Tränen aufgelöst. Dazu kann ich auch sagen: bestimm DU den richtigen Zeitpunkt für deine erste Freizeit. Lass dich nicht drängen „Es wird Zeit dass du das Baby mal abgibst.“ Nein! Wenn es sich gut anfühlt auch mal allein zu sein, wirst du es wissen. Für mich war das mit drei Monaten zu früh. Als Niki dann fünf Monate alt war und meine Tante Mittwochs mit ihm spazieren ging, begann ich die 2 Stunden Ich-Zeit zu genießen. Selbst da schickte ich ihr Nachrichten „Ist alles ok?“ „Schläft er? Wo seid ihr?“ Aber ich gewöhnte mich daran und lernte diese Stunden wertzuschätzen. Auch dem Zwerg tut es gut zu merken, dass es außer den Eltern noch mehr liebe Menschen gibt, mit denen es schön ist Zeit zu verbringen. 

Meine Meinung hierzu ist aber wie gesagt: den Zeitpunkt bestimmt Mami, und sonst niemand. Du findest es schon nach einigen Wochen ok, Mama/Freundin/Oma das Baby mal zu überlassen? Absolut in Ordnung! Es ist erst nach einem Jahr für dich überwindbar? Genauso ok! Die Mami bestimmt das.

Natürlich nimmt man zum Babysitten nur eine Vertrauensperson. Jemanden, den man sehr gut kennt und liebt. Ich möchte bis heute, dass Nikolai nur von Menschen beaufsichtigt wird die sich vom Baby nicht verunsichern lassen, auch wenn es mal schreit. Die wissen, wie man den Zwerg hochhebt, füttert, ins Bettchen legt oder sein Essen zubereitet.

Wenn du so eine Person in deinem Umfeld hast- sei es der Papa, ein Elternteil von euch, eine Freundin etc.- vertraue diesem Menschen, und vertraue auch deinem Baby. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Mr N mit Aufsichtspersonen viel weniger Faxen macht als mit mir. Wenn er mich nirgends im Haus registriert und sich nur auf die babysittende Person konzentriert, ist alles leicht. Von Beginn an, übrigens. Das Baby schreit nur dann nach Mama, wenn es sie als greifbare Alternative wahrnimmt. Wenn es dich hört/riecht/sieht. Aber auch wir Mamis brauchen einmal Zeit für uns. Es tut so gut, auch nur eine Stunde lang die Füße hochzulegen. Etwas leckeres zu essen, zu lesen, oder die Augen zu schließen. Eine entspannte Mami ist auch für das Baby eine Freude.

Ungefragte Ratschläge ignorieren.

Wie viele gut gemeinte, ungebetene Besserwissereien sich jede frisch gebackene Mami anhören muss! Ich kenne es von mir genau wie von meinen Freundinnen. Plötzlich hat jeder in Eurem Umfeld eine Meinung. Du müsstest dies tun, das nicht tun, „so haben wir das damals gemacht.“ 

Das einzige was zählt ist DEINE Meinung, DEINE Intuition. DU weißt am besten, was für dich und dein Baby gut ist. Ich musste mir so oft kleine Aussagen zu Nikolais Schlafverhalten anhören. „Leg ihn einfach auf den Rücken, der wird sich schon beruhigen.“ „Schaukel ihn nicht in den Schlaf, dann wird er es nie ohne schaukeln können.“ „Das muss er lernen.“

Falsch! Ich habe ja bereits zwei Artikel zum Thema „Das muss er NICHT lernen“ verfasst. Denn der tollste Rat den ich euch geben kann ist dieser:

Lass Dein Baby bestimmen.

Jawohl! Das hat NICHTS mit Terror, Manipulation oder Mami als Hauself zu tun. Ein Baby kann im ersten Lebensjahr NICHT manipulieren. Es handelt rein intuitiv. Es sagt dir, was es braucht und wie es gern schlafen möchte. Mr N hat es von Anfang an geliebt, im Maxicosi in den Schlaf geschaukelt zu werden (oder eben an der Brust einzuschlafen). Er hat nie gern flach auf dem Rücken gelegen und sich – OMG- stets sein Schnuffeltuch INS Gesicht gezogen. Genau wie ich als Baby! Wie sehr habe ich mich eines Morgens zu Beginn erschreckt, als Niki sein Gesichtchen in mein Kissen gekuschelt hatte. Aber er mag das einfach. Den Geruch eines frisch gewaschenen Kissenbezugs, das Gefühl des Tuchs auf der Haut. Er schlief die ersten vier Monate zwischen uns im Bett und das war wunderschön. 

Und beruhigte er sich nur beim Schaukeln im Maxicosi, dann war das eben so. Bis zum 10. Monat war das der einzige Weg, ihn ohne Brust zum Einschlafen zu bringen. Er verbrachte ja nicht die ganze Nacht im Sitz. Aber das Schaukeln war schön für ihn, und ich machte mir keinen Stress. Oh Wunder, eines Abend schrie er, als ich ihn wie gewohnt anschnallen und schaukeln wollte. Dies war die erste Nacht, die Nikolai vollständig in seinem Bettchen (in unserem Zimmer) schlief- aus eigenem, freien Willen. Ohne Training, ohne Tränen. Er hat mir von allein gezeigt, ab wann es für ihn okay war ohne Schaukeln „auf dem Rücken“ einzuschlafen. 

Abstillen- ein blödes Wort.

Ich habe mir, wie viele andere Mamis, immer Gedanken darum gemacht wie lange N wohl die Brust wollen würde. Aber im Gegensatz zu einigen Freundinnen musste/wollte ich den Zeitpunkt gar nicht selbst bestimmen, wann ich dem Kleinen diese Milchquelle versagen wollte. Auch dies überließ ich meinem Baby allein. Da ich keine Deadline hatte, wann es mich zurück in einen Beruf ziehen würde und auch nicht davon „genervt“ war, konnte ich entspannt mit dem Ende der Stillzeit umgehen. Ich hatte eher Angst davor. Dass der Tag kommen würde, an dem diese wunderschöne und einzigartige Beziehung zwischen mir und meinem Kind zuende ginge.

Und dann, ich wollte Niki zum Mittagsschlaf stillen, schaute er mit schelmischem Blick zu mir hoch- biss mich fest in die Brust! Er hatte da bereits vier Zähnchen (das war ungefähr im 8. Monat) und es tat so weh, dass ich anfing zu weinen. Und was tat mein Kind? Er lachte mich herzhaft aus. Das war für mich der Zeitpunkt, zu dem ich ihm vor dem Schlafen ein Fläschchen gab. Und er wollte das auch so. Lediglich abends beim Zubettgehen stillte ich noch. Verrückt, dass mein Körper sich auch diesem Rhythmus anpasste. Tagsüber produzierte er keine Milch mehr, und um 20.00 war die Bar eröffnet. Auch das hörte ungefähr im 11. Monat auf. Jetzt lege ich Niki nur noch ab und zu in der Nacht an, wenn er sich gar nicht beruhigen lässt (auch wenn keine Milch mehr kommt).

Ich bin froh, dass das Ende der Stillzeit ein Übergang war, und nicht von jetzt auf gleich zuende. Ich hätte niemals bewusst sagen können „So, mein Freund, dies ist das letzte Mal.“ Ich bin ganz schlecht im Abschiednehmen. So wie Niki sich selbst durch Beißen und Lachen entwöhnte, war es auch für mich perfekt.

Solltet ihr ebenfalls für zwei Jahre Vollzeitmamis sein, kann ich Euch mit auf den Weg geben: Das Baby wird auch hier zeigen, wann es auf die Muttermilch verzichten möchte. Sei es früher oder später als bei Nikolai- es wird für Euer Baby der genau richtige Zeitpunkt sein.

Ich habe Nikolai die wichtigen Meilensteine und Veränderungen bestimmen lassen, und bin damit bisher sehr gut gefahren. Es hat ihn überhaupt nicht „verwöhnt“ dass ich mein Kind niemals schreien ließ. Dass ich ihn so lange stillte und schaukelte wie er wollte. Er ist glücklich, ausgeglichen, kerngesund und hat ein ruhiges Vertrauen in seine Bezugspersonen. Ich bin mir sicher es rührt daher, dass er von Anfang an merkte „Wenn ich weine, ist da jemand der mich hört. Der sich um mich kümmert. Ich bin nicht allein.“ Es hat absolut nichts mit „Verziehen“ zu tun wenn man die Bedürfnisse seines Babys erfüllt.

Jetzt, mit einem Jahr, merke ich dass Nikolai beginnt, seine (und unsere!) Grenzen bewusst zu testen. Er versteht „Nein“ und „Nikolai“ ganz genau, entschließt sich aber oft genug es zu ignorieren. Wenn wir ihn schlafen legen und er noch Angst hat etwas zu verpassen, schreit er protestierend aus seinem Bettchen heraus. Trotz getrunkenem Fläschchen und großer Müdigkeit. Es ist eine neue Phase, in der man sein Baby kennen muss um Bedürfnis-Weinen und Test-Weinen zu unterscheiden. Und keine Sorge- an diesem Punkt erkennt man den Unterschied. Was schwierig sein kann, ist eben das Konsequentbleiben.

Genau wie es meiner Meinung nach wichtig ist, in den ersten Monaten immer da zu sein wenn das Baby schreit. Um Vertrauen zu seiner Umwelt aufzubauen. Jetzt liegt der Fokus darauf dem Kind zu zeigen, dass Mama und Papa die Regeln aufstellen- und nicht der Nikolai. Er hat einen starken Willen und setzt sich auch manchmal (ähnlich S) allein in sein Zimmer. Dort beschäftigt er sich mit dem Staubsauger oder Flocke, bis man ihn ruft.

Ich bin sehr stolz auf unser erstes Jahr, und noch stolzer auf den selbstbewussten kleinen Jungen an meiner Seite. Wir haben zusammen schon so unglaublich viel gelernt, und ich bin gespannt was noch alles auf uns zukommt.

Jetzt, mit gut einem Jahr, dreht er sich von mir weg wenn wir unterwegs sind. Er will nicht an meine Hand, geht einfach auf andere Menschen zu. Offen und selbstbewusst. Ich bin sicher, wenn er eines Tages in den Kindergarten geht wird hier nur eine in Tränen aufgelöst sein: Die Mami! 

7 Comments

  1. Christina sagt:

    Du sprichst mir mit JEDEM Wort aus der Seele. ❤️

  2. Tais sagt:

    Liebe Madline!
    In jedem Wort: dito! Genauso habe ich es bei meinen Zwillingsmädchen gehandhabt und genauso bin ich, als Mami, davon überzeugt dass man für sein Baby einfach da sein sollte ob es stillen, schreien oder einfach die Nähe angeht.
    Ein winderschöner Artikel wieder mal. Vielen lieben Dank Dir :-*
    Btw du solltest darüber (andere deine Artikel miteinbezogen) ein Buch schreiben.. Es wird bestimmt eine hervorragende Leistung!

    Liebe Grüße, Tais

    • NikiMami sagt:

      Meine liebe Tais! Ich danke Dir für deine schönen Worte 😊 Und die Idee mit dem Buch finde ich klasse; das muss ich mir echt mal überlegen! Drück dich ganz fest

  3. Janine sagt:

    Liebe madline,
    ich bewundere dich jedes Mal aufs Neue mit deiner Art und Weise. Du bist ein ganz toller und einzigartiger Mensch! Ich zieh meinen Hut vor dir wie du alles meisterst. Das mit dem Buch finde ich eine super idee. Ich glaube viele würden sich dafür interessieren 🙂 liebe grüße

  4. Kathrin sagt:

    Liebe Madline,
    Wieder mal ein so schöner Artikel. Ich folge euch jetzt seit über einem Jahr, als ich dann selbst schwanger wurde, war euer Alltag noch spannender für mich. Weil ihr gar nicht so weit weg seid und weil mir viele Geschichten, auch die über S, so bekannt vorkommen, fühle ich mich immer irgendwie mit euch verbunden. Du bist eine tolle Frau, mit einem süßen Sohn, Flocke natürlich auch 😊 ich folge euch weiter bei instagram (herzenszwilling) und bin mir sicher, dass ihr alles schaffen werdet. Vielleicht begegnet man sich mal! Liebste Grüße
    P.S. ich kauf dein Buch 😊

    • NikiMami sagt:

      Ach meine Liebe Kathrin! Danke für deine schönen Worte. Sehr gern können wir uns einmal treffen! Ich wünsche dir für deine Schwangerschaft alles, alles Liebe ❤️

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.