Genug gekämpft

S ist ausgezogen.Es war meine Bitte, nachdem wir zum gefühlt 199. Mal über dieselben Banalitäten gestritten haben. Man konnte nicht mehr, man wollte nicht mehr.

So haben wir also den Teufelskreis durchbrochen, in dem man ständig darauf wartete dass der andere plötzlich das tut, was man erwartet. In dem man wartet, dass das Leben zusammen auf einmal Spaß macht. Dass er Dich und deine Mühe respektiert und bewundert. Und andersrum, dass du aufhörst ihn anzumachen weil deine Erwartungen nicht erfüllt werden.

Wir haben lange gekämpft- und nun verloren? Ich weiß es nicht. Es fühlt sich nicht wie eine Niederlage an, zumindest noch nicht. Ich habe das Gefühl, dass wir wirklich alles versucht haben um zueinander zu finden; jedenfalls kann ich das über mich selbst behaupten. Ich habe mich bemüht, ihm ein liebevolles, warmes Zuhause zu schaffen. Papierkram zu regeln, Einkäufe zu erledigen, Wäsche zu waschen und das Baby rundum zu versorgen. All das, was eine altmodische Ehefrau eben so tut um ihrem arbeitenden Mann den Rücken freizuhalten (inklusive Lunchpaket und Abendessen).

Wir haben im 1. Jahr unserer Beziehung schlimmes durchgemacht und ich denke, das war der tiefe Riss in unserem Verhältnis. Es schweißte nicht zusammen, sondern trieb uns auseinander. Aber mitten in dem tosenden Sturm erfuhren wir von dem kleinen Baby, das sich in meinem Bauch einnistete. Und natürlich wollten wir für den kleinen Schatz alles herrichten. Ihm ein Zuhause und eine komplette Familie sein. Also zogen wie gemeinsam den Karren aus dem Dreck und in eine andere Stadt. Fort von der Uni, den hässlichen Erinnerungen und dem Studentenleben.

S, vier Jahre jünger als ich, brauchte viele Monate um sich an den Gedanken zu gewöhnen. Dass er Papa wird. Und als Nikolai geboren war, hatten wir uns einmal mehr entfremdet. Diesmal über eine eigentlich wunderschöne Sache: meine Schwangerschaft.

Und auch jetzt kämpften wir wieder. Nicht nur mit den üblichen Problemen, die auf junge Eltern zukommen die womöglich eine quietsch-romantische Beziehung führen. Ihr wisst schon- die Frau sitzt in der Regel mit dem neuen Menschlein daheim, bedeckt von Milchflecken und mit knurrendem Magen. Der Mann kommt nach der Arbeit heim. Beide möchten mal entspannen- wäre da nicht das kleine Baby, das mit Plänen und Routine so gar nichts anfangen kann.

Wir bemühten uns zusätzlich, die Romantik wiederzufinden. Den Grund, wieso man sich ineinander verliebt hat. Den Respekt vor dem Partner und die Achtung vor dessen Bedürfnissen.

Jetzt ist S nach so vielen Monaten des Kampfes doch ausgezogen. Wir haben das Handtuch geschmissen, die Arena ist leer.

Ich fühle mich genauso. Leer, traurig, ratlos und verwirrt. Wie geht es weiter?

Ich mache mir keine Sorgen, dass N darunter leiden könnte. S wohnt nur ein paar Häuser weiter, er kann jederzeit kommen und sein Baby sehen. Und für Nikolai ändert sich im eigentlichen Sinne auch nichts. Er sieht Papa unter der Woche ohnehin wenig, und am Wochenende gehen sie meist zusammen spazieren. Das kann genauso bleiben.

Ich weiß, dass viele Frauen in meiner Lage anders handeln würden. Dass viele von ihren Männern sitzen gelassen werden und es wahrscheinlich nie nachvollziehen könnten, dass wir eine Beziehung beenden, die weder an Untreue noch Gewalt noch Intrigen gescheitert ist. Sondern schlichtweg daran, dass wir komplett unterschiedlich sind und es nicht geschafft haben, diese Kluft zu überbrücken.

Die Gedanken an die Vergangenheit stimmen mich traurig. Ich wünschte, S hätte mehr Schritte auf mich zu gemacht. Sicher hätte er sich auch von mir anderes vorgestellt- es gehören immer zwei dazu!

Und dann denke ich an die Zukunft. Werden wir wieder glücklich werden? Und wenn ja, bleiben wir allein? Selbst wenn man sich vermissen sollte, lässt sich die Tatsache nicht wegdenken dass wir sehr unterschiedliche Vorstellungen vom Alltag haben.

Während ich es liebe zu kochen, mich zu unterhalten, ein Glas Wein zu genießen und schöne Reisen zu planen, reichen S eine Tiefkühlpizza und eine gute Serie. Er braucht keine großen Gespräche oder das Gefühl von Zweisamkeit.

Es macht mich tieftraurig dass wir so unterschiedlich sind.

Und natürlich ist da als Mama auch die Angst vor dem Alleinsein. Dass abends wirklich niemand nach Hause kommt. Ungeachtet banaler Streitereien war da der Mann, mit dem ich jahrelang das Sofa, den Inhalt meiner Töpfe und meine Sorgen geteilt habe. Ich bin ein absoluter Gewohnheits- und Familienmensch. Ich will verdammt nochmal endlich zur Ruhe kommen. In meinem Häuschen mit Garten, mit den drei Kindern und dem Mann, der sich abends freut uns zu sehen. Ich möchte mich nicht mehr auf den Markt werfen um „jemanden kennenzulernen“. Ich könnte auch meinem Baby gegenüber nicht jedes Wochenende auf die Rolle gehen. Über diese Single-Hallo-ich-bin-Madline-und-Du?-Phase bin ich sowas von hinaus.

Ich habe keine Lust mehr, jemanden von meinen Qualitäten zu überzeugen „Seht her, ich bin das adrette Frauchen, ich koche, ich versorge deine Kinder, und zum Dank erwarte ich lediglich ein wenig Anerkennung.“ Ich möchte das nicht.

Ja, das klingt ein wenig bockig und jämmerlich, aber die Ereignisse sind auch noch frisch. Bitte verzeiht mir also den Ton.

Ich weiß nicht, wie es um die Zukunft meines Liebeslebens bestellt ist. Aber im Hier und Jetzt interessiert mich das auch nicht.

Ich werde mich nicht aktivieren, aufdonnern und ausgehen.

Stattdessen möchte ich mich auf Nikolai konzentrieren. Meine Freunde treffen, mit Ihnen gut essen und leckeren Wein trinken. Schöne Gespräche führen, Ausflüge machen und mich mit S anfreunden.

So, wie es war, ging es nicht weiter und das haben wir eingesehen. Bekanntlich ist das der erste Schritt zur Besserung- und von hier an kann es nur bergauf gehen.

18 Comments

  1. Bo sagt:

    – was ein ehrlicher Artikel –

  2. Aliasuzan sagt:

    Schön, dass du dir alles von der Seele schreiben kannst. Ich denke aber, du hast ein stabiles familieres Umfeld, das dir hilft deine Balance zu finden und wieder zu stabilisieren. Das du dich selbst liebst und dich für dich selbst „aufdonnerst“😊. Denn du musst dir wichtig sein und für deinen süßen Kleinen genügend Energie aufbringen.
    Auch dass du jetzt etwas beendet hast, was für dich nicht mehr richtig war zeigt, wie stark du eigentlich bist. Nicht jeder hat den Mut dazu.
    Ich wünsche dir jetzt weiterhin die Kraft……
    Eine bisher stille Mitleserin
    Herzlichst
    Aliasuzan

  3. nevenka.m sagt:

    Liebe Madline, ich bewundere Deine Offenheit. Du sprichst mir so oft aus der Seele! Hierzu kann ich Dir nur eins raten: Vergiss nicht, wer DU bist! Du hast es verdient, geliebt und auf Händen getragen zu werden. Schade, dass der Vater Deines Sohnes dazu anscheinend nicht fähig ist. Vielleicht erkennt er ja durch die Distanz, welch Glück er mit Dir hat. Ich drücke jedenfalls die Daumen und folge Dir gerne weiterhin auf Instagram & Snapchat! Alles Liebe, Katharina

  4. Irene sagt:

    Hallo liebste ich lese dich immer fleißig auf Insta und auch hier obwohl ich wenig kommentiere. Ich will dir viele Kraft geben aber dennoch auch ein paar Rate geben. Du musst alleine glücklich sein . Einen Partner zu haben, Familie , tolle Freunde oder einen coolen Job sind nur umstände die dich mehr glücklich machen können . Aber auf keinen Fall weniger wenn sie nicht da sind ! Weil alle diese genanten Dinge sind temporär und keiner gibt die eine Garantie das sie immer da sein werden und es ist sehr traurig davon abhängig zu sein . Also du musst dir mit niemanden mühe geben nur mit dir selber . Wenn S keinen Wein mag ist das legitim. In Spanien sagen wir “ krummer Baum bäugt sich nie gerade „. Jemanden verändern zu wollen wäre auch nicht richtig . Dennoch wenn man eine Beziehung eingeht müssen beide Seiten einige Sachen flexibler machen. ZB mein Freund raucht und ich hasse es . Ihn dazu zu zwingen aufzuhören wäre im dem Fall gesünder für ihn aber ich kann ihn zu nichts zwingen . Dennoch versteht er das es ein Trennungsgrund sein könnte also gibt er sich mühe und raucht nur in der Terrasse und bevor er mich abknutscht zähne putzen oder Kaugummi ! Also nichts ändern aber verstehen wieso es dem Partner nervt und es nicht einfach ignorieren . Zwar blödes Beispiel aber so ist es . Ihr seid verschieden. Weswegen auch immer habt ihr euch mal verknallt und mit der Zeit ist alles rausgekommen . Das passiert und nicht alles ist wie sich es einer wünscht . Ich gebe dir viel kraft ! Du schaffst das alles ! Ein bisschen Abstand hilft auch alles mit anderen Augen zu sehen !

  5. Kati sagt:

    Ich wünsche es euch, das ihr es schafft euch anzufreunden.

  6. Ann sagt:

    Wie unfassbar stark Du sein musst. Ich bewundere dich so sehr! Ich sitze nun auch alleine hier, mit einem kleinen Mädchen im Bauch, dass in weniger als 10 Wochen auf die Welt kommen wird, mit einem Mietvertrag für eine Wohnung, die renovierungsbedürftig ist, in der wir uns gemeinsam ein zu Hause einrichten wollten, in der wir gemeinsam unsere Tochter großziehen wollten. Nun muss ich das alles alleine schaffen. Aber auch das werde ich überwinden, um meiner Tochter einer Vorbild zu sein.

    Für dich nur das Beste, du bist stärker als all das! Du hast einen wundervollen Sohnemann, der durch sein Strahlen die Sonne scheinen lässt!

    • NikiMami sagt:

      Dasselbe wünsche ich Dir auch du Liebe! Du wirst spätestens dann wenn deine Maus auf der Welt ist sehen- wir Mamis sind Superheldinnen und können ALLES schaffen ❤️

  7. Luissa sagt:

    … Ich bewundere dich für diesen so offenen und ehrlichen Artikel und mir würden genau diese Gedanken kommen … Hut ab vor dem Entschluss ein Baby alleine zu versorgen …

  8. Caro sagt:

    Ach Liebes, was ein ehrlicher Artikel! Ich wünsche dir ganz viel Kraft für diesen neuen Weg! Ich finde du meisterst es ganz wunderbar mit deinem kleinen N und das sicher auch ohne S, der Abends nach Hause kommt! Ich bin bereits von Anfang an Alleinerziehend und klar gibt es sandige Phasen, aber die Liebe zu den Würmern lässt einen auch allein durchhalten.. Und jammern darf man bei guten Freunden ja auch gerne mal..also ich finde du bist ganz bezaubernd und machst das alles so super.. Fühl dich ganz lieb gedrückt 😘

  9. Dalali sagt:

    Ich wünsche dir viel Kraft! Der erste Schritt in die richtige Richtung ist gemacht! ♡

  10. Claudia sagt:

    Liebe Madline, so ehrliche und offene Worte. Ich kann Dich so gut verstehen, auch wenn ich solch eine Situation nicht kenne. Ich wünsche Dir alle Kraft, alles Glück und viel Liebe für Deinen weiteren Weg, auch wenn Du noch nicht weißt, wohin er Dich führen wird. Alles Liebe ❤

  11. Carmen sagt:

    Puh. So ehrlich. So ergreifend, dass mir hier bei meinem Apfel und Kaffee die Tränchen in die Augen schießen! Ich wünsche euch alles alles Glück und Liebe der Welt. Du und N ihr meistert das schon!

  12. Patrizia sagt:

    Du wirst es schaffen! Du hast so viele Menschen die dich lieben und hinter dir stehen. Ich finde es so bewundernswert wie du alles meisterst. Ich folge dir schon lange und ich finde du machst das großartig und du kannst stolz auf dich sein 💖

  13. katja sagt:

    sowas habe ich mir schon gedacht… aber weißt du was? du schaffst das! ihr schafft das! und so, wie du es beschreibst, werdet ihr es auch schaffen, tolle eltern für den lütten zu bleiben.
    ich wünsche dir ganz viel kraft <3

  14. Fineandme sagt:

    Du machst sicher vielem Mamis Mut diesen Schritt zu gehen! Respekt, dass du diese intime Sache mit uns teilst. Ich denke ganz fest an dich und N.

  15. Janina sagt:

    Mir kommenicht die Tränen, so ein ehrlicher Artikel. Du bist eine wundervolle Frau, vergiss das nie. Du hast es verdient so behandelt zu werden, wie du es die wünschst. Ich wünsche euch für die Zukunft nur das Beste !!! Denk daran, manchmal muss sich ein Buch schließen, damit man ein anderes öffnet ♡

  16. Fraeuleinglueck sagt:

    Liebe Madline,
    Ich bin ganz zufällig wieder bei dir gelandet.
    Ich kenne also nur noch deine „Anfangsphase“ mit Baby und habe jetzt gar nicht alles im Detail mitbekommen!
    Trotzdem möchte ich dir gerne auch hier etwas dazu sagen.

    Als allererstes meine höchste Anerkennung für diesen so großen Schritt!
    Ich weiß wie sehr man kämpft, nicht aufgeben will!
    Man will eigentlich nur das perfekte Familienleben, und doch spürt man wie Alles aus den Fugen gerät!
    Statt gemeinsam etwas Schönes zu unternehmen, herzhaft zu lachen und sich geborgen zu fühlen schweigen wir uns an, streiten, fühlen uns missverstanden! “
    Natürlich steht mir nicht zu über euch zu urteilen, und das möchte ich auch gar nicht!
    Ich habe nur noch in Erinnerung wie sehr du immer gekämpft hast, wieviel Wut sich dadurch angesammelt hat… Und Enttäuschung!
    Aber ich bin mir ganz sicher:

    Nichts auf der Welt das sich zu haben lohnt, fällt einem in den Schoß

    Manchmal hilft es, den ganzen Rucksack voll böser Erinnerungen, Missmut und Wut abzulegen und ganz von vorn zu beginnen.
    Unvoreingenommen , ehrlich, selbstkritisch.
    Weißt du was uns richtig gut tut?
    Wir versuchen uns jeden Tag ein ernst gemeintes Lob zu sagen/schreiben.
    Immer wenn wir anfangen wollen zu streiten, probieren wir erstmal zu lachen, das Ganze nicht zu ernst zu nehmen.
    Es hilft! Und plötzlich fühlt man sich wieder viel geborgener!

    Ich wünsche mir sehr für euch, dass der Auszug eine Chance ist euch wiederzufinden und ihr euch nicht mehr verliert.
    Ich kann gar nicht sagen warum, aber irgendwie sind mir deine Bilder immer als ein wundervolles, liebendes Paar in Erinnerung geblieben… Nur eben mit Problemen das gerade selbst zu sehen!

    Ich drücke dich ganz fest und wünsche auf jeden Fall alles Gute,
    Egal wie alles ausgeht. Ihr werdet euren Weg ganz bestimmt finden

  17. Juli sagt:

    Wahnsinn, ich bewundere deine Ehrlichkeit – und wie du mit all dem umgehst. Ich wünsche dir, dass du die Liebe (wieder)findest, mit der du gemütlich beisammen sitzen, Wein trinken unc Reisen planen kannst. ♡ Manches soll nicht sein, damit etwas Besseres Platz hat 🙂

    Drück dich.

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