Das muss er NICHT lernen

Eine gute UND zufriedene Mama zu sein ist eine trickreiche Lebensaufgabe. Stets bewegt man sich auf dem schmalen Grat zwischen Egoismus und völliger Selbstaufgabe, und die Balance zu finden (und ein Leben lang zu halten!) ist ein Drahtseilakt.

Ich habe mich in den ersten Monaten definitiv aufgegeben; Egoismus ist mir zuwider. Denn meine Mutter schlug mit ihrem neuen Mann, deren Reisen und ihrem geliebten Haus in Frankreich ins komplette Gegenteil von mir um- sie stellte ihre eigenen Bedürfnisse und Interessen stets vor jene meiner Schwester und mir.

Auch wenn eine gesunde Portion Egoismus wichtig für Leib und Seele ist, aufgrund meiner Vergangenheit fällt mir das schwer.

In letzter Zeit häufen sich Aussagen und Meinungen (sowohl in meinem privaten, wie auch im Blog-Umfeld) in Richtung „Das muss er eben lernen“. Ich hasse diesen Satz! Das Schlafen ohne Schaukeln „muss er lernen“. Das Beruhigen in der Nacht ohne meine Brust „muss er lernen“. Dass man sich den Kopf stoßen/die Finger verbrennen/einklemmen/auf nassem Boden ausrutschen/den Tag ohne Mama verbringen kann „muss er lernen“. Du lieber Himmel!

Es gibt Eltern, die möchten, dass sich der Sprössling mit seinen Bedürfnissen ihrem Leben anpasst. Und dann gibt es die, die ihren Alltag um die Ansprüche des kleinen Menschen herumstricken.

Ihr ahnt es schon- ich bin Mitglied letzterer Gruppe.

Ich habe mich für die Schwangerschaft, für das Baby entschieden. Und meine Aufgabe als Vollzeit-Hausfrau/-Mama ist es, den Zwerg auf seinem Lebensweg zu begleiten. Er braucht mich, und kann vieles eben noch nicht verstehen das er „lernen muss“.

Ich überlasse die Entscheidung über den Ablauf unseres Alltags Baby Nikolai, und damit fahre ich sehr gut.

Wurde er zu Beginn erst gegen 22,23.00 müde, verschob sich die Bettzeit automatisch bis jetzt auf ca 19.30, 20.00.

Ich habe mich ihm immer angepasst. So ging ich im Winter noch mit ihm um 21.00 schlafen, weil ich selbst müde war. Silvester? Haben wir verschlafen, und das war überhaupt kein Problem. Ich habe (sollte ich gesund bleiben 🙏🏼) noch so viele Jahre vor mir, in denen ich um Mitternacht das Feuerwerk betrachten kann. Und jetzt, wo er um 20.00 schlafen geht, begebe ich mich nach dem GuteNacht-Ritual zurück ins Wohnzimmer und verbringe noch etwas Zeit mit S (und Netflix).

Das schönste ist, dass unsere Freunde und Familie sich ebenfalls diesem Rhythmus anpassen. Keiner schimpft, wenn wir uns nur bis 19.00 verabreden damit N ins Bett gehen kann wie gewohnt. (Natürlich gibt es allmählich auch Abende, an denen wir erst gegen 22.00 heim kommen und er dann unterwegs oder bei unserer Familie einschläft.) Aber generell bestimmen Nikolais Schlafzeiten unsere Pläne. „Das muss er lernen“? Nein!

Er ist immer noch ein Baby, das diesen Satz nicht verstehen kann. Sicher haben die meisten Eltern das bereits erlebt: wochenlang hat sich der Zwerg eine bestimmte Routine angewöhnt. Brei essen jeden Morgen um dieselbe Zeit, jeden Abend um eine gewisse Uhrzeit schlafen und genau xy Mal aufwachen. Aber plötzlich- alles wieder zurück auf Null! Weil Zähnchen kommen/Albträume quälen/das Wetter sie unruhig stimmt etc.

Wieso soll ich Niki (und mich) wochenlang mit „Traingsstunden“ quälen, um eine bestimmte Uhrzeit dies und das zu tun? Zu schlafen wann/wie es MIR passt, zu essen/trinken wie ich es erwarte, dann auf mich zu verzichten wenn ich es möchte? Und am Ende wirft der nächste Schub alles wieder um.

Mir sagte diese Woche noch jemand „Das muss er lernen“ (…nachts auf meine Brust zu verzichten). Und zum ersten Mal konnte ich ganz selbstsicher antworten „Nein. Er trinkt von selbst konstant weniger.“ Sowohl nachts von mir, als auch Tags aus dem Fläschchen. Von allein, ohne „Training“ hat sich Nikolai beim Zubettgehen für das Fläschchen entschieden (indem er mich grinsend und fest in die Brust biss statt zu trinken). Genauso reduzierte sich das Stillen am Tag von selbst. Er aß immer mehr von meinem Teller oder seinen Brei. Sodass ich jetzt auch erst abends, gegen 21.00 die „Produktion“ beginne. Denn nach dem Bett-Fläschchen wacht Niki noch einmal auf und lässt sich nur an der Brust beruhigen. Nachts hat er kaum noch Hunger, möchte eher kurz gedrückt werden. Auch von allein! Ich habe ihn nicht aktiv abgestillt weil mir das den Alltag erleichtern würde.

Ich sage immer, man soll niemanden verurteilen ohne eine Meile in dessen Stiefeln gelaufen zu sein. Jede Mutter wird ihre Gründe haben, ihr Baby aktiv abzustillen/ihm Schlafzeiten beibringen zu wollen etc. Vielleicht muss sie arbeiten oder hat nicht genügend Milch, womöglich setzt ihr der Schlafmangel gesundheitlich zu. Alles verständlich!

Bei mir trifft nichts davon zu. Ich bin gesund, ich bin anwesend und Niki ist mein „Vollzeit-Job“. Ich habe mich nicht gestresst was das Schlafen oder Trinken angeht.

Ja, Niki schläft zumeist im Maxicosi ein. Weil er eben kein Kind ist, das man „einfach hinlegt und es schläft“. Er lag schon als frisch geborener Säugling nicht gern flach auf dem Rücken. Und er braucht das Schaukeln, um runterzufahren und in den Schlaf zu finden. Mein Papa sagt, dass es bei mir genauso war- und plötzlich einfach aufhörte. Darauf vertraue ich auch bei N. Und würde für sein(e) Geschwisterchen eine Wiege kaufen, damit sie nicht auch so lange den Maxicosi zum Einschlafen benötigen. N hat es aber nicht geschadet! Im Gegenteil. Er ist kerngesund, ausgeglichen und intelligent. Es macht mir keine Umstände dass er einen unruhigen Schlaf hat (ich selbst wache schon vom Surren einer Mücke auf). Mein Baby braucht mich einfach, ihm durch diese aufregende und lehrreiche Zeit zu helfen. Er hat vielleicht Angst oder Zahnschmerzen. Da werde ich ihn nicht in seinem Bettchen ignorieren oder ihn bei Tageslicht um 18.00 zwingen, schlafen zu gehen.

Natürlich üben wir das Wort Nein (das er auch versteht). Natürlich muss er auch mal Geduld in seinem Hochstühlchen üben, wenn Mami noch kochen möchte und er lieber mit Flocke krabbeln will. Aber das geschieht auch im wachen Zustand und stresst weder ihn noch mich.

Ich habe jetzt (im 9. Monat) ein Kindermädchen gefunden, das 1x in der Woche für 3 Stunden kommt und mir so etwas Ich-Zeit verschafft. Vorher war das für mich eine Qual und ein Zwang. Inzwischen fühle sowohl ich als auch N sich damit wohl, mal etwas für uns allein zu tun. Ich kann den Mamas kleinerer Babys sagen: auch dieser Moment kommt von allein! Wie sehr wurde im Winter auf mich eingeredet. N sei jetzt 4 Monate alt, „das muss er lernen“ auch mal ohne Mami zu sein. Nein! Ich habe mich schrecklich mit dem Gedanken „er wird nach mir rufen/suchen“ gequält. Und würde mich nie wieder zu einer Baby-Auszeit zwingen. Der Zeitpunkt, an dem man gern mal 3 Stündchen oder einen Abend allein verbringt, kommt von selbst und mühelos. Ohne Zwang, ohne Tränen (bei Mami oder Baby).

Ich will damit sagen: Vertraut auf den Rhythmus eures Kindes. Sie bestimmen nicht aus Bosheit, sondern aus reinem Befinden unseren Alltag. Sie schlafen wenn sie müde sind, und die Einschlafhilfe auf die ihr vertraut, ist vermutlich auch die richtige. Sie werden von allein irgendwann die Brust ablehnen. Ihr werdet von allein irgendwann Spaß an einem Babysitter haben.

Und bis dahin: sollten wir die Zeit genießen, in wir das Ein&Alles unserer Kinder sind! Es wird uns früh genug ganz schrecklich fehlen.

18 Comments

  1. mamimiblog sagt:

    Haargenau das was du schreibst haben wir tagtäglich bei unserem Sohn zu hören bekommen! Ich Übermutti verziehe ihn, weil er nie weinen muss, weil ich 15Monate gestillt habe, weil ich für mein Kind lebe…Lächerlich!
    Ja, ich habe mich für Kinder entschieden und zwar aus ganzem Herzen und es gibt nichts auf der Welt was schöner für mich ist und was ich mehr liebe!
    Jetzt, beim zweiten Kind, kann ich lächeln und mir einfach nur noch denken „Ich habe alles richtig gemacht“! 😉

  2. tinctura sagt:

    Touché, liebe Madline! 👏🏻

  3. Katja sagt:

    Da hast du recht. Ich lass die Leute einfach reden und erkläre geduldig, dass es für mich eben anders ist. Wie ich den Satz „verwöhnt sie nicht zu doll!“ hasse!!!! Ich verwöhne mein Baby nicht, wenn ich zu ihr gehe, wenn sie weint. Ich verwöhne sie nicht, wenn ich sie hochnehme, sobald sie sich zu stark in ihr Weinen hineinsteigert. Und wenn sie nachts nicht so schnell wieder einschlafen kann und ich halte noch ihre Hand… nein, auch dann verwöhne ich sie nicht. Sie ist ein Baby und braucht ihr Eltern mehr, als alles andere auf der Welt. Und wir lieben sie mehr, als alles andere auf der Welt und werden daher immer das tun, was für sie gut und für uns gefühlsmäßig das Richtige ist. Ganz egal, was andere davon halten.
    Insofern: ich finde deine Einstellung sehr gut und nachvollziehbar. 🙂
    Liebe Grüße,

    Katja

    • madline4688 sagt:

      Danke liebe Katja!! ❤️

    • Janin sagt:

      Oh wie gern hätte ich mehr Menschen um mich die so denken wie ihr hier…:-( wie entspannt dann das kaffeetrinken mit Freunden wäre…! Ich finde es genau so super wie Madline es erzählt..Ich bin Mama mit Haut und Haar und könnte mein Kind niemals im Schlaf schreien lassen..! Ich bin da..Immer und solange er mich braucht!

  4. mummyofjj sagt:

    Toller Beitrag !
    Auch ich kann dem nur zustimmen, beim zweiten Kind ist man wesentlich entspannter und auch die Worte von anderen Leuten prallen leichter an einem ab. Früher musste ich mir auch häufig anhören, dass ich meinen Sohn zu sehr verhätschle, mittlerweile lach ich nur drüber – sollen sie mal alle reden 😉 Eine Mami weiß eigentlich immer was fürs kleine Menschlein richtig ist!

    Liebe Grüße & einen schönen Abend
    Laura
    https://mummyofjj.wordpress.com

  5. Katja sagt:

    Ich teile deine Meinung nicht 100%tig. Ich glaube nicht, dass das Kind alles allein regelt. Ich glaube, dass wir Eltern auch „bereit“ für ein „das muss er jetzt lernen“ sein müssen. Klar, nicht im Babyalter, aber im Kleinkindalter. Z.b. „Musste meine Tochter lernen“ allein im Bett zu schlafen, weil das schlafen im Familienbett ein Graus war (sie war 3 als ich es nicht mehr wollte). Aber ich stimme dir zu, dass man ein Baby nicht verwöhnen kann! Wer kommt überhaupt auf so eine Idee!

    • madline4688 sagt:

      Natürlich hast du Recht! Wenn N älter ist, so mit anderthalb, dann hat er auch eine ganz andere Auffassungsgabe. Wenn ich dann sage „Ich möchte dass du sitzen bleibst“ kann er mich auch verstehen. Nur jetzt, mit 9 Monaten, möchte ich ihn eben noch nicht verwirren oder verängstigen. Keine Frage- im Kleinkindalter werden hier Manieren trainiert 👶🏽👍🏼

  6. Nicole sagt:

    Das hätte ich mal vor12 Jahren lesen sollen…wie immer toll geschrieben und sehr wahr …alles Liebe für euch😘

  7. Christine sagt:

    Richtig so! Ich finde diese Mütter schrecklich lieblos, die wollen, dass ihr Leben mit Baby so weiter geht wie vorher. Es ist ein westlicher Irrsinn, ein Baby in sein eigenes Bett, Zimmer etc. zu verfrachten. Babys brauchen Nähe und Liebe. Ich stimme Dir total zu! Erzwingen muss man gar nichts! Die Selbständigkeit kommt ganz natürlich, wenn auch die Fähigkeiten da sind (alleine gehen, essen, reden etc.). Ich finde es völlig natürlich, dass ein Baby mindestens 1 Jahr lang gestillt wird. Ich sehe viele Mamis, die quatschen was von auch an sich denken etc. Im Gesamtblick sind doch 1, 2 Jahre so wenig. Da kann man doch wirklich mal auf ein paar Sachen verzichten. Und ich hasse diesen Satz übrigens auch. Meine Antwort ist das stets: Im ersten Jahr MUSS gar nichts!

  8. Nina sagt:

    Du sprichst mir aus dem Herzen! Mein Kleiner ist jetzt 9 Monate alt und Deine Zeilen treffen auch auf uns zu.

  9. Claudia sagt:

    Hach…Du triffst mal wieder den Nagel auf den Kopf! Genauso läuft es bei uns und das ist genau richtig so..Lernen können Sie irgendwann noch soviel! Liebe grüße 😘

  10. Annika (leas_mama_30 ) sagt:

    So schön geschrieben 💖. Du machst das super und N fehlt es an nix. Und müssen muss er gar nichts,wie du schon schriebst. Mach genau so weiter, denn euch beiden geht es gut damit. 😘😘

  11. Meike sagt:

    Liebe Madline,
    Du schreibst mir aus dem Herzen! Unsere Kleine ist jetzt 10 Monate alt und ich habe diesen Satz so oft gehört. Erst mit der Zeit lernt man als junge Mutter, auf sich selbst zu vertrauen. Ich frage mich wirklich, wer darauf gekommen ist, dass man Babys so behandeln soll? Mit der Erfahrung bin ich dazu über gefangen mich zu fragen wie ich behandelt werden möchte: ich möchte nicht alleine schlafen und beim einschlafen kuscheln, wenn ich aufwache, suche ich gerne die Hand meines Liebsten, wenn ich weine, möchte ich getröstet werden und wenn ich Hunger habe, dann brauche ich etwas zu essen, sonst habe ich schlechte Laune! Liebe Grüße!

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