Superheldinnen 

Seit ich denken kann wollte ich immer Mama werden. (Okay, eigentlich wollte ich Oma werden, aber das eine führt ja zum anderen). Jetzt bin ich Mutter eines wundervollen kleinen Jungen. Und hatte mir schon von kleinauf gleich 3 von der Sorte vorgestellt, wie sie im Garten Ritter spielen.

Nikolai ist fröhlich, kerngesund und stark wie ein Bärchen, kurzum: alles, was sich Eltern für ihr Baby wünschen.

In meinem Berufsleben neben der Uni habe ich bereits viele Jahre Erfahrung beim Unterrichten mit Kindern gesammelt. Außerdem wurde meine Grundschulfreundin bereits einige Jahre vor mir Mutter, und auch dort erlebte ich alles mit, was zum Mamasein dazugehört. Dachte ich jedenfalls! Ich war überzeugt, super auf die Aufgabe „Mama“ vorbereitet zu sein. Anders als viele hatte ich bereits Erfahrung mit winzigen Säuglingen bis hin zu meinen Teenie-Nachhilfe-Kids.

Jetzt habe ich mein eigenes Baby und mir fällt auf: ich bin ein schreckliches Sensibelchen. Will sagen, eine Glucke.

Damit habe ich nicht gerechnet. Ich habe an meiner Freundin immer bewundert, wie sie ihre zwei kleinen Kinder, Haustiere, Bauernhof und einen Betrieb managt. Und dachte, das werde auch bei mir mal so sein- Pustekuchen!

Ich bin lange nicht so locker, tough und easygoing.

Natürlich ist jede Mama anders und jede darf in ihrem eigenen Tempo in ihre Rolle hineinfinden. Aber jetzt, wo nicht nur die Beziehung und der Haushalt, sondern vor allem das Aufziehen von Nikolai eine Riesenaufgabe ist, fürchte ich mich. Davor, das kein 2. oder gar 3. Mal zu schaffen!

Klar, wenn das erste Baby wenige Wochen alt ist, erscheint sowieso alles neu und überwältigend. Sowohl positiv als auch negativ. Und klar, beim 2. Kind ist man geübter und angeblich auch lockerer. Doch hier kommen wir wieder zu Madline, dem Sensibeltierchen.

Ich stelle mir vor, wie viel Stress ein süßes, winziges Geschwisterchen für mich und auch den kleinen Nikolai bedeuten könnte. Und ja, auch hier überkompensiere ich mal wieder hoffnungslos, da ein 2. Baby zur Zeit wirklich absolut kein Thema ist.

Aber gerade jetzt in der Zähnchenphase leide ich nicht nur mit wenn er so schrecklich weint, sondern frage mich auch immer wieder, wie ich dies nochmal beim nächsten Baby ertragen könnte. Grenzenlose Freude über Nikolais neue Entdeckungen und Fähigkeiten liegt sehr nah bei Gefühlen wie Mitleid (wenn er sich ärgert, falls etwas nicht klappt wie er will). Oder eben wenn er Angst und Schmerzen hat. Sich erschreckt, Mama sucht oder jemanden nicht mag.

Ich habe mich schon überwunden und den Zwerg für wenige Stunden in Obhut meiner Tante, mal zu seiner Patentante und auch meiner Freundin gegeben. Das geht inzwischen ganz gut! So lernt er (und auch ich), dass auch andere liebe Menschen sich um ihn kümmern können und er Spaß mit ihnen hat. Absolut wichtig, dass Niki sich später nicht fürchtet unbeschwerte Stunden bei den Menschen in unserem engsten Umfeld zu verbringen. Und auch gut für Mami, mal ihre Krallen einzufahren und ein bisschen Zeit für sich zu haben. Das habe ich im ersten halben Jahr gelernt: Hilfe annehmen ist Gold wert.

Aber es bleibt die Vorstellung vom hypothetischen Chaos mit zwei Mini-Me’s.

Da mag jetzt der Schlafmangel und mein dünnes Nervenkostüm mitspielen (immerhin habe ich seit Dezember nur in einer Nacht von 21-2.00 schlafen dürfen. Ansonsten werde ich nächtlich stündlich geweckt, und das geht sicher auch an die Substanz).

Da tun sich doch Fragen auf! Zum Beispiel: Wie schafft man das öfter als ein Mal? Und mit mehr als einem Baby und dessen Schlafrhythmus?

Ich entwickle eine regelrechte Ehrfurcht vor Müttern mehrerer Kinder- oder gar Zwillingen. Und beim 2. Kind hat man dann schon das erste, das herumspringt und Aufmerksamkeit braucht. Ich hätte dann eine beleidigte Hündin, Tanzbärchen Nikolai und ein weiteres winziges, hilfloses Baby das auf Mamas Schutz, Geduld und Liebe angewiesen wäre.

Aber aus der jetzigen Perspektive erscheint das Managen einer Mehr-Kinder-Familie als Aufgabe, die rein einer Superheldin vorbehalten ist.

Ja, ich müsste mir ein dickeres Fell zulegen. Da muss ich dann doch öfter an meine Freundin mit ihren zwei älteren Kindern denken, die viel tougher ist als ich und deren Leben natürlich durch weniger Sentimentalität deutlich vereinfacht wird. Das beneide ich.

Natürlich habe ich in den letzten Monaten alles auf Nikolais Wohlergehen ausgerichtet. Er ist mein erstes Kind und der Tag puzzelt sich um seine Schlaf-/Essens- und Spielzeiten herum. Genauso die Abende, Wochenende und nicht zuletzt die Beziehung. Diesen Luxus könnte ich dem 2. Kind gar nicht verschaffen, da dann schon mein Bärchen seine Verabredungen/ Termine/ Gewohnheiten hat.

Ich habe gerade zu Anfang des Jahres erst einen heftigen depressiven Schub hinter mich gebracht und muss jetzt mein Baby durch befremdliche Schmerzen und Unwohlsein begleiten. Mami muss geduldig sein und liebevoll, sonst lässt sich der Zwerg gar nicht beruhigen. Das schaffe ich auch alles, neben meinen Verpflichtungen S, Flocke, der Familie, Freunden und dem Haushalt gegenüber.

Aber wie würde ich mich erst einigeln wenn da ein Geschwisterchen im Bild wäre? Ich kann nur meinen größten Respekt vor den Mamas aussprechen, die Baby und Kleinkind gleichermaßen gerecht werden und dann noch Zeit für einen „Alltag“ oder gar eine Arbeitsstelle finden.

Ich hoffe sehr, in diese Anforderung hineinzuwachsen.

4 Comments

  1. Leas_mama_30 sagt:

    Danke für deine offenen und ehrlichen Worte. Ich bewundere dich,das du da so offen drüber reden kannst. Ich habe/hatte immer Angst offen zu sagen was ich fühle oder denke, um nicht unfähige Mama abgestempelt zu werden. Ich drück dich ganz doll 💜

  2. Anne sagt:

    Das zu lesen ist gerade toll!!!
    Ich war,wie du es beschreibst die Glucke vor dem Herrn,habe in den letzten 2Jahren so viel über mich gelernt wie nie zuvor und habe mit mir bis zu erbrechen gekämpft meinen kleinen Mann auch mal abzugeben:)Aber es hat geklappt und mit jedem Schrittchen mehr Selbstständigkeit ging es uns besser:)
    Seit 6Wochen ist Baby Lilly da und mein Leben als zweifache Mama ist entspannter und schöner denn je – vielleicht weil ich kapiert habe das ich für meine Kinder nicht perfekt sein muss😍😍

  3. Alex aus Ddorf sagt:

    Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich wirklich beeindruckt bin. Gerade im Internet nutzt meist jeder die Möglichkeit, sich besonders toll darzustellen, es ist meist eher ein Schaulaufen, als das wahre Leben. Du wirkst so unglaublich authentisch und echt und wirkst auf mich wirklich sympathisch. Daher ein ganz dickes Lob an dich, ich find es toll!

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